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Kinderkram? Mitnichten!

Tim und Struppi als kidcult

Von Jan Hans

Kidcult (kid-adult-culture) wird gemeinhin als ein Massenkultur-Phänomen der 80er und 90er Jahre vertsanden und ist bislang allein ökonomisch diskutiert worden: Filme, die auf die 14-bis24jährigen (die den solidesten Pulbikums-Sektor des Popularkulturgeschäfts bilden) und ihre nostalgischen Eltern zielen, haben die besten Aussichten, "Blockbuster" zu werden.

Kulturwissenschaftler kennen das Phänomen schon länger und sprechen von einer seit der Romantik ständig zunehmenden Tendenz zur Verewigung des Kindlichen in der Erwachsenenkultur“ (Lentzen). Wie sich solche Entdifferenzierungen (der Geschlechter, der Generationen) auf der Ebene der erzähltechnischen und bildästhetischen Strukturen des Comics darstellen, kann man an der Longseller-Serie Tim und Struppi“ exemplarisch studieren.

Ihren Erstauftritt haben Tim und Struppi (als Tintin und Milou) Anfang 1929 in der Kinderbeilage der in Brüssel erscheinenden katholischen Tageszeitung Le XXième Siècle. Ihre Biographen Ole Frahm und Michael Hein beschreiben das denkwürdige Ereignis:

Mit guten Wünschen und Ermahnungen zur Vorsicht wird am 29. Januar ein kleiner Mann in einem viel zu großen Übermantel, Schiebermütze auf dem Kopf, in einen Zug gesetzt, der ihn in die Sowjetunion bringen soll. Tintin, Reporter, reist im Auftrag seiner Zeitung, Le Petit Vingtième; unter denen, die ihn verabschieden, sind der Herausgeber und der Chefredakteur, die ihn zum regelmäßigen Bericht aus dem Reich der Bolschewiki anhalten.“

Mittwoch für Mittwoch erfahren die jungen Leser von Le Petit Vingtième von nun an auf einer Doppelseite, was ihrem Korrespondenten so alles an Atemraubendem in der sowjetischen Fremde passiert: Wie er - ohne besonderen Anlaß und ohne Plan - von Höhepunkt zu Höhepunkt hetzt und dabei mit Legionen von Gegenspielern fertig werden muß. Als pünktlich zum Erscheinen der letzten Doppelseite am 11. Mai 1930 die Rückkehr des Gejagten, hundertmal In-die-Luft-Gesprengten, Gebeutelten, Eingesperrten“ (Frahm/Hain) angekündigt wird, kommt es auf dem Bahnhofsvorplatz von Brüssel zu einem Massenauflauf - die Fan-Gemeinde wollte den populären fiktiven Helden willkommen heißen. Nach diesem umwerfenden Erfolg schickt Hergé seine Protagonisten auf weitere Abenteuer-Reisen - 1931 in den (belgischen) Kongo und 1932 in die Vereinigten Staaten. Auch diese Reisen geben sich nicht als durchgehend konzipierte Geschichte, sondern erscheinen als Aneinanderreihung mehr oder minder unverbundener Episoden. Ihr Agglomeratscharakter ergibt sich aus der Publikationsform: In jeder Fortsetzung passiert etwas Entscheidendes, am Ende gibt es einen Höhepunkt. Eine Reise ist zu Ende, wenn Hergé den Eindruck hat, daß das Gagpotential einer Kulisse und die Möglichkeiten, etwas Spannendes oder Lustiges darin stattfinden zu lassen, ausgereizt sind. Ist eine Reise auf diese Weise in der Zeitung abgedreht, werden die Doppelseiten zusammengeleimt und erscheinen als Album.

Eine Durchsicht der - zunächst nicht vorgesehenen - Alben wird Hergé möglicherweise auf die Idee gebracht haben, daß es einen Unterschied macht, ob eine Geschichte als wöchentliche Doppelseite oder als Album erscheint, und daß ein Szenario den Geschichten - zumindest in Hinblick auf ihre Weiterverwertung als Album - förderlich wäre. Für sein viertes Abenteuer (”Die Zigarren des Pharao”, 1934) entwirft Hergé daher erstmals eine Verlaufsskizze; ab dem sechsten Album (”Der Arumbaya-Fetisch”, 1935) kann man dann von dem für Hergé charakteristischen Erzähl- und Darstellungsstil sprechen - der ‘ligne claire’, die Hergés Modell einer Lösung der Probleme darstellt, die sich ergeben, wenn eine Geschichte aus dem (anarchischen) Comic-Strip in das (literarische) Comic-Album überführt wird, wenn die Geschichte von der Kinderseite“ in ein kidult-Genre wechselt.

Was sich ändert, wird schnell deutlich, wenn man sich an einer Nacherzählung der Handlung etwa des Arumbaya-Fetisch´“ versucht: Wie alle Tim und Struppi“ - Geschichten beginnt (und endet) auch diese ‘zuhause’. (Wenn es dunkel wird, hat seine Mami gesagt . . .) Tim, als Figur androgyn-geschlechtsneutral im Graufeld zwischen Kindheit und Postadoleszenz angesiedelt, ist gerade bei der Morgentoilette, als er im Radio - es sind die Massenmedien, die die ‘Störungen’ in die wohlgeordnete Überschaubarkeit des trauten Heims hineintragen! - vom Diebstahl eines südamerikanischen Indiander-Totems aus dem Völkerkundemuseum hört. Er wittert eine Sensationsgeschichte und stürzt sich in die Recherche-Jagd, in deren Verlauf er sich vom berichterstattenden Reporter zu einer Mischung aus dokumentierendem Erzählmedium und aufklärendem Detektiv wandelt: Eine bezeichnende Mutation, ist es doch der Detektiv, der die immer undurchschaubarer werdende Welt lesen kann und dem deshalb in der Literatur des 20. Jahrhunderts die Aufgabe zufällt, den erschütterten Glauben an das cartesianische Subjekt immer von neuem zu bestätigen.

Bevor es am Ende auch hier zu dieser Rückerstattung kommt, der die kindlichen wie die erwachsenen Leser gleichermaßen bedürfen, bringt die Jagd Tim zunächst auf die Spuren eines ermordeten Bildhauers, dann auf die Suche nach dessen entflogenem Papagei und bei dieser Suche in Kontakt mit dubiosen Personen, die den Papagei auch haben wollen. Als der Papagei endlich sein Geheimnis verrät (und dann - er hat seine erzähltechnische Schuldigkeit getan - aus der Geschichte verschwindet), katapultiert die so gelegte Spur Tim nach Südamerika - wo er in einen Dschungel gerät: In einen wahrhaften (in dem er zwar die Arumbaya-Indianer, nicht aber die gesuchte Statue findet) und in einen metaphorischen aus erfolgreichen und mißglückten Putschversuchen und Grenzkriegen um Erdölvorkommen, sämtlich angezettelt von europäischen und nordamerikanischen Diplomaten, Ölmagnaten und Waffenschiebern (Umstände und Personen, in denen die zeitgenössischen Leser unschwer das Modell der - von Hergé im Gegensatz zu den ersten Abenteuern jetzt exakt recherchierten - Auseinandersetzungen um die erdölträchtige Gran Chaco-Region erkennen konnten). Den ‘wahren’ Fetisch findet Tim dann übrigens, als er wieder zuhause ist - er muß ihn allerdings aus einer Anzahl von Fälschungen (Verdoppelungen!) aussortieren, wozu er nur in der Lage ist, weil er weiß daß der echte der ist, dem etwas fehlt (nämlich das Ohr). Und wie nicht anders zu erwarten stellt sich am Ende heraus - man könnte meinen, der wenige hundert Kilometer weiter westlich denkende Dr. Lacan habe Hergé den Griffel geführt - daß der, dem etwas fehlt, an anderer Stelle etwas mehr hat, nämlich einen verborgenen Diamanten. Womit auch dieser Fall gelöst wäre.

Deutlich wird, mit Hilfe welcher Kunstgriffe Hergé die Versöhnung von Strip- mit Albenstruktur betreibt: Die Grundkonstellation (d.i. der ‘Fall’, der Tim und seine Opponenten aufruft und ins Verhältnis setzt) und die Verknüpfung der Einzelepisoden, in denen dieses Verhältnis ausgetragen wird, resultieren samt und sonders aus einem den verschiedenen Interessen gemeinsamen Objekt. Der berühmte ‘rote Faden’ ergibt sich dadurch, daß verschiedene Figuren(gruppen) dieses Objekt - aus welchen Gründen auch immer - begehren. Die Jagd nach dem gemeinsamen Objekt der Begierde schafft dann die - in Episoden portionierte - Handlung.

Erzähltechnisch ist es also vor allem der Stellenwert der Episode, der sich beim Übergang vom Strip zum Album verändert. Im Strip stehen die Episoden für sich, sind einander nicht verpflichtet, sind nur durch die Zentralfigur miteinander verbunden und werden nach dem Additionsprinzip gereiht. Das Album fordert die durchgehende Handlung; die Episoden müssen zu einer Geschichte gebündelt werden, in der sie streng aufeinander bezogen und nach Möglichkeit in der Haupthandlung begründet sind.

Damit das so funktionieren kann, muß das den Erzählvorgang auslösende und die Handlung in Gang haltende Objekt bestimmte Bedingungen erfüllen. Es muß erzählgeographisch im Zentrum der verschiedenen Begehrlichkeiten stehen und wie ein Katalysator wirken - es löst eine Reaktion aus und bestimmt ihren Verlauf; dabei verstärkt es die jeweiligen Begehren der beteiligten Personen und hält diese so ohne Pause in Bewegung.

Ein solches Objekt kann ein konkreter Gegenstand (ein Arumbaya-Fetisch“) oder ein ‘McGuffin’ à la Hitchcock sein (eine Schachtel, die durch ihren angeblich hochbedeutsamen Inhalt zum Objekt der Begierde wird - wobei der Schachtelinhalt unbekannt ist und entweder nie oder erst sehr spät verraten wird). Ihre Spezifik gewinnen die Hergéschen Objekte jedoch erst, wenn die genannten Objekttypen zugleich auch Position und Funktion des Lacanschen objet a“ ein- und annehmen.

Dann wird deutlich, daß das Verschwinden des Indianer-Totems - das Loch“, der leere Platz“ in den Beziehungen zwischen Signifikaten und Signifikanten - keinen objektiven Mangel manifestiert, sondern das subjektive Begehren des Detektivs Tim, sämtliche Signifikanten so zu ordnen, daß sie für ihn eine einheitliche Geschichte ergeben. Es ist ja gerade die Funktion der Detektivgeschichte, daß sie die semiologische Souveränität des Detektivs zugleich in Frage stellt (Ein Geheimnis! Wird er den Fall lösen können?) und in der gelingenden Auflösung bestätigt. Die entwendete und durch eine Kopie (!) ersetzte Statue erweist sich - mit Zizek gesprochen - als Symptom des Detektiv/Reporters Tim, das therapiert werden muß. Ist seine Bedeutung erkannt und das Symptom aufgelöst, ist das Begehren (vorläufig) befriedigt und die Identität des Subjekts wiederhergestellt: Der Text (besser: der Subtext der Kindergeschichte) ist an sein Ziel und Ende gekommen.

Daß wir diesen Subtext nicht sofort entdecken, liegt an Wahl und Konzeption des den Erzählvorgang konstituierenden Objekts; die ist um so gelungener, je weniger die Jagd nach dem Gegenstand, die durch die Objektwelt geht, als Versuch der Symbolisierung illegalisierter Wünsche erkennbar wird. Hergé löst dieses Problem, indem er das skizzierte erzähltechnische Prinzip durch ein bildästhetisches ergänzt: durch die realistische“ Ausgestaltung seiner Objektwelt, die dokumentarisch ist, gleichwohl aber transparent bleibt. Hergés Dokumentarismus ist ein opaker.

Bildästhetisch realisiert sich das Programm über ein Ineinander von Abbildrealismus und Abstraktion. Auch wenn die Dinge auf ihre Elementarformen reduziert werden und es dabei zu einer Geometrisierung und Stilisierung der Welt kommt, bleiben sie dennoch wiedererkennbar. Dadurch bekommt die Geschichte ihre charakteristische Mehrwertigkeit, die eine Lesebewegung in Gang setzt, die gleichzeitig durch die Ordnung der Dinge und den nicht mehr/noch nicht symbolierten Bereich geht. Dabei entstehen doppelte Lesarten. Und unter den Lesarten, die der Text anbietet, ist immer eine naive, die sich dadurch auszeichnet, daß sie mühelos konstruierbar ist.

Hergés opaker Dokumentarismus ist ein Versuch mit der Zentralerfahrung der Moderne umzugehen: Da die Dinge nicht sind, was sie vorgeben zu sein, da die Dinge mehrdeutig sind, müssen sie in die Eindeutigkeit gezwungen werden - in eine Eindeutigkeit allerdings, die die Ahnung ihrer Mehrdeutigkeit aufbewahrt. Die Popularkultur hat diese Anregung dankend aufgenommen.


April 1997 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg