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Internationale Tagung "Ästhetik des Comics"

Von Johann N. Schmidt

Vom 24. - 27.3. 1994 fand in Hamburg eine internationale Tagung "Ästhetik des Comic" statt, die von der Deutschen Forschungsgemeinshcaft gefördert wurde. Es war mit Sicherheit ein Highlight der hieisigen Comic-Forschung.

Die Tagung wollte einen Beitrag zur ästhetischen Theoriebildung im Bereich des Comic leisten und spezifische Merkmale des Erzählens untersuchen, wie sie Zeichensystem und Darstellungsverfahren des Comic bedingen. Außerdem sollte diskutiert werden, wie sich der Comic im historischen Zusammenhang der technologischen Entwicklung kulturell genutzter Medien verorten läßt. Wenn sich die Tagung ohne Schönreden als voller Erfolg bezeichnen ließ, so hatte dies mehrere Gründe: die professionelle Durchführung, an der die studentischen Mitglieder der "Arbeitsstelle für Graphische Literatur" maßgeblichen Anteil hatten; die konzentrierte, sehr kollegiale Atmosphäre unter den Teilnehmern aus In- und Ausland; die Fülle hochinteressanter Beiträge; der gelungene Nachweis, daß Comic-Liebhaber auch etwas vom guten Essen und Trinken verstehen.

Die Tagung wurde mit einem Vortrag von Claude Moliterni, dem "Doyen" der zeitgenössischen Comic-Forschung in Frankreich und Gründer der Société Française des Bandes Dessinées eingeleitet. Moliterni setzte sich mit den Anfängen des Comic Strip (McCay, Swinnerton, Sterrett etc.) und der Herausbildung einer spezifischen Comic-Ästhetik auseinander. Die nachfolgenden Referate können hier nur stichwortartig aufgeführt werden:

  • Daniele Barbieri (Bologna): "Time and Rhythm in Image Narration" (Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen verbaler und bildhafter Narration; deren Bedeutung für die zeitliche und rhythmische Dimension von Texten);
  • Günter Dammann (Hamburg) referierte über den temporalen Rezeptionsmodus im Comic;
  • Michael Hein (Hamburg): "A Short & Comic: The Strip" (Panel-Sequenz im Comic; Problem von Sequentialität und Simultaneität);
  • Karl Clausberg (Lüneburg): "Zur Geschichte der Bilderzählform" (Theorie der graphischen Repräsentation von Sprechakten in Vergangenheit und Gegenwart);
  • Kathrin Hoffmann-Curtius (Tübingen) entdeckte im Comic Plagiat! von Alain Goffin eine Dekonstruktion des Genies im Medium des Comic;
  • Otto Karl Werckmeister (Evanston/Chicago) untersuchte anhand von Juan Giménezí The Eye of the Apocalypse und Paolo Serpieris Creatura die thematische Koinzidenz von Auge und Anatomie;
  • Hans Holländer (Aachen) vertrat die These, daß Malerei und graphische Künste unterschiedliche "Zeit-Zeichen" aufweisen;
  • Jens Balzer (Hamburg): "Der Horizont bei Herriman" (Zeitlichkeit als Organisationskategorie im Comic; Selbstreferenz der Zeichensysteme);
  • Fritz Breithaupt (Berlin): "Der schwangere Augenblick: Comic-Theorie um 1800" (Suche nach der Synästhesie und dem "Synmedium" bei Lessing, Jean Paul, Goethe, Delacroix);
  • Giulio C. Cuccolini (Mantua) untersuchte die "pictorial narrative" im Comic und dessen strukturelle Vorläufer in der europäischen Tradition;
  • Dietmar Dath (Freiburg); "Die Wahrheit des Comic" (kritische Konstruktionen zum Comic);
  • Pascal Lefèvre (Brüssel); "Recovering Sensuality in Comic Theory" (wie Multicodierung des Comic die unterschiedlichen Sinne anspricht);
  • Georg Seeßlen (Pforzen); "Gerahmter Raum, gezeichnete Zeit: Die Dimension von Story und History im Comic Strip" (Beziehung von Geschichte und Mythos als komplementäre Kategorien im Comic)
  • Ole Frahm (Hamburg): "Das unsichtbare Dritte. Comic als genealogisches Medium" (Stillegung von Zeit und Zerfall in unauflösbare Zeitlichkeiten; Comic als Reflexionsmedium).

Übrigens: Wem die Themen zu abstrakt, zu wissenschaftlich, not enough fun erscheinen, dem sei gesagt, daß die Lektüre von Comics nicht weniger, sondern im Gegenteil noch mehr Spaß macht, wenn man ihre Grundlagen kennt und versteht. Also bitte nicht dem Vorurteil verfallen, daß nur ignorante Menschen mit Genuß Comics rezipieren können! Das ist genauso falsch wie der Irrglaube, daß die Literaturwissenschaft einem auf jeden Fall den Spaß an Büchern verderben will.

Eine Publikation über die Tagung ist in Vorbereitung.


April 1997 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg