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Mediengeschichte des Films


D er "Mediengeschichte des Films" widmete sich vom SoSe 95 bis zum SoSe 96 eine dreiteilige Vorlesungsreihe des allgemeinen Vorlesungswesens in Hamburg. Der erste von drei Sammelbänden mit dem Titel "Die Mobilisierung des Sehens. Zur Vor- und Frühgeschichte des Films in Literatur und Kunst", in denen die Vorträge in überarbeiteter Form publiziert werden, liegt jetzt vor.
Malte Hagener sprach mit dem Herausgeber Harro Segeberg.

Titel

Malte Hagener (MH): Seit etwa zwanzig Jahren ist ein verstärktes Interesse am frühen Film sowie den vorfilmischen Medien und visuellen Darstellungsformen zu beobachten. Die Darstellungen hierzu reichen von teleologisch aufgebauten Technikgeschichten bis zu Wahrnehmungsgeschichten, die bis zu Platons Höhlengleichnis oder steinzeitlichen Höhlenmalereien zurückgehen. Wo in diesem Kontext verorten Sie den ersten Band der Mediengeschichte des Films? (1)

Harro SegebergHarro Segeberg (HS): Die Aufsatzsammlung ist, wie der Untertitel sagt, eine Vor- und Frühgeschichte des Films in Literatur und Kunst, also überwiegend in den anderen, nicht-filmischen Medien, die historisch früher liegen. Der Blick geht aber auch in die ersten Jahre des Mediums Film, also 1895 bis ungefähr um 1900.
Zeitlich gesehen gehen wir nicht zurück bis auf Platons Höhlengleichnis, sondern beginnen - was auf den ersten Blick vielleicht verwunderlich erscheint - mit dem Buchdruck. Wir beginnen mit dieser Epoche deshalb, weil wir der Meinung sind, daß schon der Buchdruck eine grundlegende Umstellung der menschlichen Kommunikation auf eine überwiegend visuelle Kommunikationsform ist. Solange man noch mithilfe mündlich erzählter Geschichten oder Sagen oder auch Briefen, die vorgelesen werden mussten, kommunizierte, stand das Auditive, das Gehörte, im Vordergrund. Der Buchdruck bedeutet das erste Mal die Umstellung des Kommunikationssystems auf visuelle Kommunikation, wobei die Kommunikation, soweit es Buchstaben betrifft, überwiegend abstrakt ist, und die dazugehörigen Bilder im Kopf des Lesers entstehen.

MH: Es geht also nicht um eine strikte Trennung zwischen Schrift- und Bildkultur, sondern immer auch um Verbindungslinien, Überlappungen und Überschneidungen?

HS: Das war ein weiterer Grund, warum wir von der Polarisierung Schriftkultur vs. Bildkultur, Literatur vs. Film, herunterkommen wollten. Wir wollten stattdessen zeigen, daß beide Medien eingelagert sind in globale wahrnehmungsgeschichtliche Prozesse. Der Versuch war, die einzelnen sogenannten Vorläufermedien des Films als sehr unterschiedliche Ausformungen einer solchen umgreifenden Wahrnehmungsgeschichte zu betrachten.

MH: In welches Verhältnis setzen denn die einzelnen Beiträge die Vorläufermedien zum Film. Anders gefragt: Wird eine teleologische Entwicklung auf den Film zu konstruiert, bei der die Vorläufer nur in ihrem Verhältnis zum Film untersucht werden?

HS: Wichtig war uns, daß man die Vor- und Frühgeschichte des Films nicht als eine finale Entwicklung zu einem Königsmedium Film darstellen kann. Genauer betrachtet greift der Film um 1895 eine Reihe von Leistungen seiner Vorläufermedien auf, bündelt und faßt diese zusammen. Diejenigen davon, die man perfektionieren kann, entwickeln sich weiter; andere, bei denen die technische Entwicklung noch nicht so weit war, bleiben außen vor. Bekanntestes Beispiel sind ja die frühen Formen des Fern-Sehens, die es durchaus schon gab, die aber in der Entwicklungsgeschichte des Films erst einmal nicht weiter verfolgt wurden.

MH: Thomas Elsaesser beschreibt die wissenschaftshistorische Entwicklung in der Beschäftigung mit Vor- und Frühformen des Films mit dem Diktum 'from linear history to mass-media archaeology'. Versteht sich ihr Buch als eine Archäologie der Massenmedien?

HS: Für eine wirklich umfassende Archäologie der Massenmedien hätte man sicher an vielen Punkten noch sehr viel weiter gehen müssen. Im Mittelpunkt stand stets die Frage, welche Bedeutung das Jahr 1895 hat. Die Reihe heißt deshalb Mediengeschichte des Films, weil es keine reine Filmgeschichte sein soll, sondern eine Geschichte des Mediums Film im Kontext anderer Medien.
Nun muß man dazu sagen, daß die einzelnen Beiträge in der Art und Weise, wie diese eher medienvergleichende Fragestellung aufgenommen wird, durchaus unterschiedliche Akzente setzen. Wenn man einen Spezialisten zum Guckkasten einlädt, erzählt er natürlich die Mediengeschichte des Guckkastens und gibt dann am Ende Ausblicke zum Film hin. Wenn Filmhistoriker und Filmhistorikerinnen referieren, steht natürlich das Medium Film im Vordergrund.
Idealerweise entsteht damit der von mir beschriebene Eindruck nach der Lektüre des gesamten Bandes.

MH: Aufsatzsammlungen neigen manchmal zu einer gewissen fragmentarischen Beliebigkeit, bei der die einzelnen Beiträge unverbunden nebeneinander stehen und wenig Bezug untereinander haben.
Inwieweit läßt sich der Gesamteindruck des Bandes in methodischer Weise beschreiben. Gibt es einen gemeinsamen theoretischen Ansatz, auf den sich die Texte beziehen?

KinetoskopHS: Es gibt unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. In dem Beitrag von Ludwig Fischer beispielsweise steht das wahrnehmungsgeschichtliche Problem der Perspektive im Vordergrund und wird in unterschiedlichen Medien abgehandelt. Dann gibt es zum Beispiel den Beitrag von Klaus Bartels, das ist eine sehr harte und faktenreiche Technologiegeschichte der Laterna Magica, fast schon eine Apparatgeschichte, von der aus sich sehr interessante Rückbezüge bis in die Literaturgeschichte hinein ergeben.
Oder der Beitrag von Albrecht Koschorke über das Panorama, der das Panorama als Wahrnehmungsform beschreibt und dann in Umbrüche in der Medizingeschichte um 1800 einordnet. Er sieht das Panorama als erstes Medium , in der so etwas wie der nervöse Mensch entsteht. Dann gibt es einen sehr streng diskursanalytischen Ansatz zur Frage Comic und Film.
Es sind schon unterschiedliche Ansätze und Theorien, die angewendet werden, aber so, daß sie sich untereinander ergänzen.

MH: Es lassen sich aber schon Fragestellungen und Thesen finden, die immer wieder angesprochen werden. Zentrale Themen sind auf der einen Seite Probleme des Rahmens und der Zentralperspektive, auf der anderen Seite der Panoramablick. Ein anderes Thema, das immer wieder auftaucht, ist die Lesbarmachung der Welt, die Verwandlung der Dinge in Zeichen und die Welt als Text.

HS: Das sind in der Tat zwei Handlungsstränge, die sich herauskristallisieren und durch den Band ziehen, wobei die Beiträge sich eher darin unterscheiden, ob sie einen generellen Ansatz wählen, beispielsweise Veränderung der Perspektive oder Verwandlung der Dinge in Zeichen, und von daher unterschiedliche Realisierung in Medien behandeln, oder ob sie von der Geschichte eines Mediums ausgehen, um die Ergebnisse dann in eine umfassendere Form zu bringen. Das ist sicherlich keine neue Schule, die sich daraus ergibt, sondern eher der Versuch zu zeigen, daß Mediengeschichte - aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen betrieben - eine sehr abwechslungsreiche und perspektivenreiche Sache sein kann.

MH: Die Aufsätze basieren ja auf den Vorträgen der Vorlesungsreihe, die im Sommersemester 1995 im Rahmen des allgemeinen Vorlesungswesens stattfanden. Ein Beitrag von Jens Balzer ist hinzugekommen. Wie weit stimmen Vorträge und Aufsätze überein?

HS: Die Beiträge im Buch sind sehr viel umfangreicher. Die Vorträge haben sich mehr auf die Vorstellung exemplarischer Entwicklungsgänge konzentriert. In der schriftlichen Ausarbeitung sind theoretischer und methodischer Rahmen sehr viel ausführlicher herausgearbeitet.
Dagegen haben die Abbildungen, die ja in der Vortragsreihe sehr wichtig waren, so etwa Wojciech Sztabas beeindruckende Diaschau zum Guckkasten, im Buch eher ergänzenden als illustrativen Charakter.
Der Band enthält 48 Abbildungen, also etwa 5 pro Aufsatz, die von den Autoren und Autorinnen selber ausgewählt wurden. Wir haben uns aber bemüht, die Abbildungen nicht nur als Bebilderung des Textes einzusetzen. Die Illustrationen sollen auch dazu da sein, Dinge darzustellen, die so im Text nicht dargestellt werden.

MH: Der Titel des Buches lautet "Die Mobilisierung des Sehens". Warum?

HS: Weil wir mit dem Beginn der Schrift- und Druckkultur anfangen. Es gibt eine Umstellung von der auditiven, körpernahen Kommunikion auf eine abstrakte visuelle Form, die sich nun in verschiedenen Schüben mobilisiert. Da gibt es die Zentralperspektive, da gibt es Vorformen des bewegten Bildes wie in der Laterna Magica. Es gibt aber auch zunächst einmal tote Bilder wie in der Fotografie, die dann hinterher in der Bewegungsfotografie wieder zusammengesetzt werden. Deshalb haben wir als Titelbild eine Kombination aus mehreren Abbildungen gewählt. Wir haben den berühmten einfahrenden Zug in den Bahnhof von La Ciotat der Gebrüder Lumiére kombiniert mit einer Laterna Magica. Die Besucher und Kritiker der ersten Filmvorführungen haben ja von lebenden Fotografien gesprochen. Das ist auch ganz richtig, weil die toten Fotografien mithilfe des Laterna Magica-Prinzips zum Laufen gebracht wurden.
Der Kinematograph ist eine Kombination von fotografischem Bild mit Projektionsformen der Laterna Magica.

MH: Wenn man die Titel aller drei Teile nebeneinander betrachtet, so klingt fast so etwas wie Kulturkritik an. Dann ergibt sich auf der einen Seite, der Produktionsseite, eine fortschreitende institutionelle und wirtschaftliche Organisierung von 'Mobilisierung' über 'Etablierung' zu 'Perfektionierung', während die Rezeptionsseite von 'Sehen' über 'Kino' zu 'Schein' führt.

HS: Ich muß dazu sagen, daß wir mit dem Titel des zweiten Bandes "Die Etablierung des Kinos" noch nicht ganz glücklich sind, weil beim Leser das Mißverständnis entstehen könnte, als sei das Kino erst im Jahre 1918 wirklich etabliert. Wir wollen aber zeigen, daß das Kino schon um 1909 ein eigenständiges Medium ist und daß es in den Jahren 1909 bis 1918 eigentlich nur noch darum geht, das Kino auch im Kontext der anerkannten Künste zu etablieren. Bei diesem Versuch wird viel kulturrevolutionärer Elan und revolutionäre Programmatik aus dem Film herausgenommen, der im Film bis 1909 enthalten war. Der Film paßt sich bis in die Präsentationsformen der abendfüllenden Lang- und Großfilme an den etablierten Kulturbetrieb an.
Der Titel des dritten Bandes ist natürlich in dem Moment kulturkritisch, wenn man davon ausgeht, daß es nach wie vor möglich ist, eine ontologische Unterscheidung zwischen Sein und Schein herzustellen. Das heißt, Mediengeschichte des Films so zu beschreiben, daß es im Film um die Widerspiegelung einer vom Film unabhängigen Realität geht. Dann wäre natürlich "Perfektionierung des Scheins" die Ersetzung der Wirklichkeit durch den Schein und insofern könnte man das also kulturkritisch lesen. So ist es natürlich nicht gemeint; sondern der Titel versucht, eine Entwicklung wiederzugeben, die dazu führt, daß spätestens mit dem frühen Tonfilm der Film als eine in sich geschlossene Darstellung von Illusionen rezipiert wird, bei der die Momente der Illusionsdurchbrechung und -auflösung - wie sie etwa im frühen Film der 10er Jahre noch eine große Rolle gespielt haben - jedenfalls nicht mehr im Vordergrund stehen. Von daher stellt die Realität des frühen Tonfilmes eine verselbständigte Form von Medienrealität her, zu der die empirische Realität eher eine Form von Nachträglichkeit hat.

MH: Also das Medium Film in den Kontext der Moderne einordnen, insofern als sich herkömmliche "Realismen" in den Künsten auflösen?

HS: Man kann das am Verhältnis der etablierten Künste, vor allem der Literatur, zum Film in den 20er Jahren sehen. Leute, die sich sehr intensiv mit dem Film beschäftigt haben, z.B. Bert Brecht, haben Film immer verstanden als eine Kunstform, in der es auf Illusionsherstellung und Illusionszerstörung ankommt. Diese Dialektik war ihm wichtig. Daß der Film dieses Mittel der Illusionszerstörung - wenn überhaupt - nur noch indirekt als Zitat mittransportiert hat und in erster Linie auf ein in sich geschlossenes Kontinuum von filmischer Realität abzielte, war der Punkt, an dem sich die literarische und die filmische Intelligenz grundlegend voneinander entfernten. Deshalb haben Pabst und Brecht im berühmten Dreigroschenprozeß jeweils ganz unterschiedliche Arten von Film im Kopf gehabt. Brechts Film ist der Film "Kuhle Wampe" und Pabsts Filme sind ganz andere Filme.
Das steckt hinter dem Titel "Die Perfektionierung des Scheins". Der Schein ist wichtiger als das Sein, ja, das Sein richtet sich nach dem Schein. Es gibt einen ganz anderen Autor, der sich mit
Medien in den 20er Jahren auseinandergesetzt hat, der rechtsradikale Ernst Jünger. Er hat 1934 in einem Essay über den Schmerz sinngemäß geschrieben, daß man in der Wochenschau nicht mehr reale Ereignisse, die sich irgendwo zutragen, abfilmen und über den Globus verbreiten würde. Vielmehr neige die Wochenschau dazu, sich ihre "realen" Ereignisse selbst zu erschaffen. So seien Parlamentsdebatten reine Medienereignisse, deren Existenzberechtigung vor allem darin bestehe, daß sie in der Wochenschau übertragen werden können.

MH: Das ist ja eigentlich schon eine Baudrillard-These.

HS: Ja, im Grunde scheint das ein Bruch zu sein, der sich in den frühen 30er Jahren herauskristallisiert. Das ist eigentlich mit 'Perfektionierung des Scheins' gemeint.
Wir sind dennoch der Meinung, daß der Film diese Perfektionierung des Scheins selbstreflektiert darstellen kann. Es geht nicht zur kritiklosen Illusionsmaschine, die Momente der selbstreflexiven filmischen Erzählung und Darstellung bleiben natürlich.

MH: Auch der zweite und dritte Teil der Reihe spielen sich wieder im Kontext der Künste ab, es geht um die frühen Autorenfilmer und ihre Beziehung zu Literatur und Theater, um das publizistische Phänomen der Kinoreformer, um den abstrakten und absoluten Film. Es geht also auch immer wieder darum, Querverbindungen herzustellen zwischen Film, Literatur, Theater und Malerei. HS: Einschränkend muß man sagen, daß im ersten Teil des zweiten Bandes vor allem filmhistorisch argumentiert wird, auch wenn wir also im ersten Band darstellen wollen, daß die Mediengeschichte nicht final auf den Film hinausläuft.

Im zweiten Band wollen wir zeigen, daß mit der weiteren Entwicklung des Kinematographen in der Tat ein neues Zeitalter der Medien beginnt. Den epochalen Bruch, den epochalen Übergang, den machen wir schon deutlich - es gibt im zweiten Band aber auch mehrere Darlegungen zum Autorenkino und zur Aufnahme des Films in der Literatur, so daß dieser Dialog mit den Künsten weiterhin eine wichtige Rolle spielt.

Anmerkung
(1) Der Band mit dem Titel "Die Mobilisierung des Sehens. Zur Vor- und Frühgeschichte des Films in Literatur und Kunst" wurde von Harro Segeberg in Zusammenarbeit mit Knut Hickethier und Corinna Müller herausgegeben. Der zweite Teil, "Die Etablierung des Kinos. Zur Geschichte des Filmvergnügens zwischen Kurzfilm und Langfilm (1905-1918)", wird voraussichtlich zu Beginn des Jahres 1997 erscheinen. Für Ende des kommenden Jahres wird schließlich mit "Die Perfektionierung des Scheins. Zur Kino-Geschichte der Weimarer Republik im Kontext der Künste" der dritte Band erwartet.


November 1996 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg