Aktuelle Ausgabe - Archiv Übersicht - Sprachwissenschaften Universität Hamburg


Baby Oh

B ericht der TeilnehmerInnen des Projektseminars "Filmisches Arbeiten" des Nebenfachstudiengangs Medienkultur.

D as Projektseminar war in zwei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Semester fand eine theoretische Annäherung an das Thema 'Dokumentarfilm' anhand von Filmbeispielen und theoretischen Texten statt. (Alexander Kluge: "In Gefahr und größter Not...", Joris Ivens: "Borinage", Peter Krieg: "Packeissyndrom", Jean-Luc Godard: "Eine Frau ist eine Frau", Woody Allen: "Zelig") In den Sommersemesterferien sollten dann eine Idee sowie Treatment und Drehbuch für einen Kurzfilm entwickelt werden, der sich mit dem Spannungsfeld Dokumentar- und Spielfilm auseinandersetzt - was sich als fast unlösbare Koordinationsaufgabe erwies. In den Semesterferien zwischen den beiden Seminarhälften wurde im obligatorischen Film-Kompaktkurs des Medienzentrums die Idee geboren, am Kurzfilmfestival (Thema '96: "Mutter") teilzunehmen. Die Idee kam nicht von ungefähr, hatte uns der zweiwöchige Lehrgang doch deutlich die Grenzen des Machbaren aufgezeigt und uns von allen ausufernden Plänen Abstand nehmen lassen. Erst jetzt war die Grundlage für eine realistische Planung des anstehenden Filmprojektes gelegt. Auch der relativ reibungslose Verlauf der Dreharbeiten wäre ohne den Kompaktkurs undenkbar gewesen.

Ein Absatz von Sigmund Freud über das Spiel eines Kindes mit einer Spule ("Fort/Da"; in: "Das Ich und das Es. Jenseits des Lustprinzips") wurde Aufhänger für die Kurzfassung einer kurzen fiktiven Szene, die in einer Langfassung mit Spielfilmszenen und Dokumentarmaterial ergänzt wurde. Der Film (Titel: "Baby Oh") war nur mit viel Organisationsaufwand (um z.B. das Studio in den Zeisehallen nutzen zu können), Hilfe von Freunden (Volker Schwanke vom Tonstudio Zitty Sound, Schauspielerin Sabine Gröngröft) und Unterstützung von den Mitarbeitern des Medienzentrums (besonders Mathias Remer) zu verwirklichen.

Bei unserer Diskussion über den Verlauf des Seminars haben wir vor allem alternative strukturelle Konzepte diskutiert, die sich auch auf den Gesamtstudiengang Medienkultur richteten. Die zeitliche Spanne zwischen den beiden Semestern hatte in unserem Seminar den Theorieblock von der praktischen Arbeit abgekoppelt. Die Organisation, das Drehen, Vertonen und Schneiden in das laufende Semester mit seinen anderweitigen Veranstaltungen zu integrieren, erwies sich als kompliziert. Einen praktischen Teil in das ansonsten theoretische Studium zu integrieren, ist problematisch. Trotzdem halten wir ihn gerade in diesem Studiengang für sinnvoll, da sich die Praxiserkenntnisse für die theoretische Auseinandersetzung mit dem Medium Film als sehr anregend erwiesen haben. Durch die Arbeit konnten wir einen Einblick in die Produktionsverhältnisse und Arbeitstechniken gewinnen, von denen wir vorher in der theoretischen Auseinandersetzung mangels Kenntnissen abstrahieren mußten. Folgerichtig wäre die - wohl nur schwer umsetzbare - Maximalforderung, die zeitliche Staffelung aufzuheben und den Theorie- und Praxisteil so miteinander zu verbinden, daß die Erkenntnisse aus dem einen jeweils in die Arbeit des anderen Teils fließen können.

Um weitere Erfahrungen mit praktischer Arbeit im Rahmen der begrenzten Ressourcen ermöglichen zu können, diskutierten wir auch die Möglichkeit, den Praxisteil über Praktika abzugelten, die dann in Form von Kolloquien zusammengeführt werden könnten, um so Austausch und Diskussion zu initiieren. Erörtert wurde auch die Möglichkeit, angemeldete autonome Projekte (Film/ Hörspiel etc.) unter der Schirmherrschaft eines Medienkulturlehrenden als Nachweis für die praktische Erfahrung gelten zu lassen. Das würde auch das relativ festgelegte Angebot erweitern, zumal, wenn das Projektseminar (wie zur Zeit) nur zweisemestrig angeboten werden kann und so der Spezialisierung innerhalb des Studiums (Film/Fernsehen /Hörfunk/Neue Medien) nicht immer entsprechen kann. Es ist jedoch fraglich, ob ein solcher Austausch ein vollständiger Ersatz für eine gemeinsame Arbeit wäre, über die im Seminarrahmen mit gleichem Wissensstand reflektiert werden kann.

Damit solche Praxissequenzen auch in Zukunft erfolgreich verlaufen, wäre allerdings eine strukturelle Absicherung derselben anzustreben, die ihr Gelingen ein klein wenig unabhängiger macht von kaum vorausplanbaren glücklichen Fügungen, wie z.B. persönlichen Kontakten zu Außenstehenden, die gerade das passende Equipment zur Lösung unserer Probleme besitzen (und uns natürlich unentgeltlich zur Verfügung stellen). Da die Seminarteilnehmer zur Deckung der Unkosten finanzielle Opfer bringen mußten, wäre zudem ein Etat wünschenswert, der groß genug ist, um davon wenigstens die Materialkosten der Arbeit zu bestreiten.

Unsere (utopischen?) Wünsche sind: Eine medienspezifische Bibliothek, ein gut ausgerüstetes Medienzentrum und eine Praktikumsbörse, in der sich die vorhandenen Kontakte einzelner Professoren und Dozenten bündeln und Kontakte zu Medienanstalten herstellen ließen. Unsere Erwartungen am Anfang des Studienganges richteten sich auf die Möglichkeit, eine Orientierung in Medientheorie, -geschichte oder auch Mediensoziologie und -politik erarbeiten zu können. Die Ringvorlesungen über Film- und Fernsehge-schichte sind Veranstaltungen, die in diese Richtung gehen. Die Seminare als Teil einzelner Fachbereiche sind oft speziell und so erscheint die Auswahl eher beliebig; in manchen Bereichen wird viel, in anderen wenig oder gar nichts angeboten. Die Forderung eines Konzepts, das das Angebot von Seminaren regeln könnte, gilt sicher nicht nur für den Bereich Medienkultur und entspricht nicht dem Ruf nach einem verschulten Grundwissen, sondern dem Wunsch, ein selbstbestimmtes, aber nicht beliebiges oder konzeptloses Studium führen zu können.


November 1996 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg