Aktuelle Ausgabe - Archiv Übersicht - Sprachwissenschaften Universität Hamburg


Musiksendungen jenseits von light und heavy rotation

U und E, HipHop, TripHop, Ambient, House, Independent, Jazz, New Wave, No Wave... der interessierte Musikfan ohne Schubladen im Kopf hat seine liebe Not, sich im Wust des öffentlich-rechtlich- kommerziellen Einerleis hinreißen und überraschen zu lassen. Das Abseitige findet trotzdem seinen Weg zum übernächtigten Hörer.

Von Norbert Mengel

"Das Münchner Radio Energy jongliert mit einem Repertoire von allenfalls acht, sagen wir: neun Titeln. 25mal am Tag laufen momentan Killing me softly von den Fugees und Ironic von Alanis Morissette; in der übrigen Zeit kommen Golden Eye von Tina Turner, Piu bella cosa von Eros Ramazzotti, The Bomb von Inner Circle und die Filmmusik zu Mission: Impossible. Dazu - und kaum minder häufig - ein paar rotierende Klassiker, Should I stay or should I go von The Clash, No woman no cry von Bob Marley, Angie von den Rolling Stones. So ungefähr jedenfalls. Die Reihenfolge ist nicht immer gleich, das kann man aber von einem Musikcomputer auch erwarten.
Diese Eintönigkeit ist an sich beklagenswert genug. Viel schlimmer jedoch: In dieser Häufung ist kein Lied mehr auszuhalten, so oder so. Wer das Lied nicht mag, der lernt es bei Energy hassen, wer es mag, der langfristig auch."(1)

Wunderdroge "Durchhörbarkeit"

D em derart überdrüssigen Radiohörer, der sich, vorausgesetzt, als Musikfan versteht, wird es seit einigen Jahren immer schwerer gemacht, musikalisches Terrain abseits der ausgetretenen Pfade zu beschreiten. In den Funkhäusern machte die Wunderdroge Durchhörbarkeit die Runde, der kaum einHörfunkdirektor hat wiederstehen können. In dieser Funktion hat beispielsweise Fritz Pleitgen (jetzt Inten-dant des Westdeutschen Rundfunks) nach und nach eine Reform der bis dahin vier Programme (2) des Kölner Sen-ders durchgesetzt, die hausintern nicht unumstritten war, da sie vielen im Bereich der "populären" Musik zu weit ging. Hauptstreitpunkt waren die Veränderungen, die im vergangenen Jahr aus WDR 1 das Jugendprogramm Eins Live machten. Einigen Programmgestaltern und Moderatoren wurden daraufhin einfach keine neuen Verträge angeboten, andere verließen nach und nach resigniert den Sender und einige Idealisten gaben sich mit einem Sendeplatz in extremer Randlage zufrieden. (So nennt sich innerhalb der marginal plazierten Reihe mit dem Obertitel Musikwelten eine Sendung doppeldeutig Border Music.) Sie besetzten eine Nische zwischen halb elf und Mitternacht in dem ebenso reformierten fünften Hörfunkprogramm. Dieses erhielt den Namen WDR Radio 5, in das sich so leicht kein Musikbegeisterter - gleich welcher Couleur - verirrt, handelt es sich doch um ein Wortprogramm, dessen erklärtes Vorbild BBC Radio 4 ist und als "das Wortprogramm" angekündigt und beworben wurde.

In einer ähnlich "artfremden Umgebung" behauptet sich seit Jahren der Zündfunk erfolgreich: Das derzeit wochentags zwischen 16.30 - 18 Uhr gesendete Musik- und Informationsprogramm auf Bayern 2 stand schon in den achtziger Jahren regelmäßig auf den vordersten Plätzen der jährlichen Spex-Leser-Polls. Der Zündfunk hat trotz seiner musikalischen und thematischen Sperrigkeit einige Programmreformen des BR überstanden, (3) in deren Zuge das wort- bzw. kulturorientierte Hörfunkprogramm selbst einige Namensänderungen erfahren hat: Auch hier diente BBC Radio 4 namentlich wie konzeptionell als Vorbild. Nachdem Bayern 2 vor wenigen Jahren in Bayern 2 Wort umbenannt wurde, heißt es seit diesem Jahr Bayern 2 Radio. Der Musikfreak, der beispielsweise den Programmen von Bayern 3, Radio Energy und anderen kommerziellen Sendern nichts abgewinnen kann, findet nur durch Zufall oder szene-interne Mundpropaganda hierher.
Diese Situation dürfte auch dem norddeutschen Wellenreiter vertraut sein: Der von Montag bis Freitag laufende Nachtclub (mit je nach Wochentag wechselnden Schwerpunkten) muß sich auf NDR 4 mit der Sendezeit zwischen 22.05 und 23.00 Uhr zufrieden geben. So taugen aber an einigen Tagen die entsprechenden Sendungen, etwa Off Beat (mit Paul Baskerville) oder Black Traxx (mit Marius Number One), gegebenenfalls noch als "warming up" für den beginnenden Abend. Im Hamburger Raum sind um diese Zeit selbst Offener Kanal und FSK off air, die ansonsten für nicht-kommerzielle Alternativangebote sorgen.
John CageDer Hessische Rundfunk versteckt seinen Tribut an die "Musik jenseits des Mainstream", so der Untertitel der Sendung, montags in der Stunde vor Mitternacht auf HR 3. Klaus Walthers Sendung Der Ball ist rund ist keinesfalls Sportberichterstattung, wie der Titel vermuten läßt. Doch Motto der Sendung ist: "Das nächste Spiel ist immer das schwerste."
Mehr Belege für eine derartige Programmpolitik ließen sich sicherlich auch bei weiteren ARD-Sendern noch finden. Lohnenswert ist es aber darüberhinaus, einmal bei dem von ARD und ZDF gemeinsam getragenen DeutschlandRadio (DeutschlandRadio Berlin und Deutschlandfunk Köln) hereinzuhören.
Die hier angebotenen bzw. vielmehr versteckten Sendungen sind wohl primär für Nachtaktive interessant: Michael Engelbrechts Klang-Horizonte (zweiwöchentlich sonntagnachts zwischen 1.05 und 2.00 Uhr) und die von Günter Jansen, Thomas Elbern und Udo Vieth (4) abwechselnd gestaltete Rock-Zeit (mittwochnachts ebenfalls zwischen 1.05 und 2.00 Uhr) werden freitagnachts zwischen 1.05 und 3.00 Uhr vom Soundcheck ergänzt, der jeweils einen musikalischen Themenschwerpunkt besitzt. Dort taucht auch immer wieder Karl Lippegaus auf, der früher mehrere Rock-, Jazz-, Crossover- und andere Musiksendungen beimWDR und SWF (S2 Kultur) gestaltete und moderierte und vor allem im WDR nur noch sehr vereinzelt zu hören ist.
Gerade auch das Beispiel DLR belegt, daß man Interessantes dort findet, wo man es am wenigsten vermutet: Das Programm des DeutschlandRadio Berlin (hervorgegangen aus RIAS und DS-Kultur) widmet sich in Wort und Musik dem vornehmlich etablierten Kulturbetrieb, während der DLF Köln als "Informationsprogramm im DeutschlandRadio" (Eigenwerbung) auf Wortbeiträge zu Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft setzt. Das DeutschlandRadio Berlin ist täglich in der Zeit zwischen 2.05 und 4.00 Uhr morgens mit seiner Sendereihe Ton-Art für den einen oder anderen Musikfan hörbar.
(Radio-)Geschichte sind seit langem einige legendäre Sendungen des BFBS (British Forces Broadcasting Service). Doch schon einige Jahre vor dem nun näherrückenden endgültigen Abzug der Britischen Rheinarmee verlor das Programm massiv an Attraktivität. Zeitweise waren in den achtziger Jahren Alan Bangs' Night Flight und John Peel's Music samstagnachts nacheinander zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens zu hören. John Peel's Music wurde zu immer wieder wechselnden Sendetagen und -zeiten gebracht und zuletzt auch nur noch in einstündiger Form. (Nach Jahren als einem der einflußreichsten Radio-DJs überhaupt blieb selbst er von Reformen beim BBC Radio One nicht verschont.)

Bayerischer Rundfunk und Westdeutscher Runfunk waren 1989 die Hauptakteure in einem Streit um den ARD-Nachtrock, aus dem der Südwestfunk als lachender Dritter hervorging: Den Münchnern war die von den Kölnern in dem gemeinsamen Nachtprogramm der ARD favorisierte Musik "zu aggressiv". Als Folge war dann statt des Kölner Programms der akustische "Dauerlutscher" Lollipop mit melodisch orientierter Chartmusik" von SWF 3 bundesweit konsumierbar. "Eine bedauerliche Entscheidung. Die Programm-Verflachung der Privatsender springt jetzt auch auf die öffentlich-rechtlichen über," (5) kommentierte Alan Bangs. Seine von ihm selbst zusammengestellten und moderierten Sendungen sollten wenige Jahre später auch nicht mehr mit dem WDR-Programmprofil harmonisieren.
Mittlerweile hat Bangs endgültig das Medium gewechselt (er war zuvor schon bei den WDR-Fernsehproduktionen Rockpalast und Rocknacht dabei) und ist nun bei VH-1 zu sehen und zu hören, wenngleich ihn die dort herrschenden Vorgaben stärker einengen als im Rundfunk. Video saved the radio star.

Jeder erinnert sich wohl an irgendein Musikstück, das ihn als Radiohörer - und eben nur in dieser speziellen "Rezeptionssituation" so unvermittelt - in seinen Bann geschlagen hat: "Almost everyone has had a comparable revelation - nearly driving off the road with excitement upon hearing something amazing for the first time on a car radio. This actually happened in Los Angeles a few years ago, when a disk jockey began playing the Third Symphony of an unknown Polish composer named Henryk Górecki: many drivers, struck by the powerful, unfamiliar music, pulled over to the side of the freeway to listen. Subsequently, the symphony (...) crossed over to the pop charts and went to sell nearly a million copies worldwide." (6) Doch sind solche Überraschungen auch bei uns leider allzuselten geworden .

Anmerkungen
(1) Thomas Kirchner: Mord am Song. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 200, 30.08.1996, S. 20.
(2) Das fünfte Programm in seiner anfänglichen Form ging durch eine Reform mit Wirkung zum Herbst 1991 auf Sendung.
(3) Lediglich der Sendeplatz am Sonntagnachmittag ging Ende der achtziger Jahre verloren.
(4) Alle drei hatten schon in den Achtzigern Sendungen im WDR.
(5) Zitiert nach: Klaus Esser: Die "weiche Welle" statt Nachtrock aus Köln. In: Hörzu, Nr. 47, 17.11.1989, S. 109.
(6) David Denby: My Problem with Perfection. The Consequences of the CD Revolution. In: The New Yorker, Vol. LXXII, Aug. 25 & Sept. 2, 1996, S. 64 - 83.


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