Aktuelle Ausgabe - Archiv Übersicht - Sprachwissenschaften Universität Hamburg

Kritische Anmerkungen der Arbeitsgemeinschaft "Medientheorie" zur aktuellen Publikation von Niklas Luhmann.

Von Andreas Bade, Jens Eder, Eckhard Düsberg, Christoph Mecke

Sydney Pollacks Watergate-Film "Die Unbestechlichen" bereitet sein abschließendes Paradox so sorgfältig und einsichtig vor, daß man es bereitwillig akzeptiert. Im Großraumbüro der Washington Post sehen wir am linken Bildrand die Vereidigung Nixons zum Präsidenten im Fernsehen, im tiefenscharfen Hintergrund jedoch die Journalisten Woodward und Bernstein, ihren Schreibmaschinen statt dem Fernseher zugewandt, während sie den Rücktritt des frisch Vereidigten vorbereiten. Wir erfahren im Medium Film, daß die im Massenmedium Fernsehen verbreitete manipulative Selbstdarstellung die Realität dahinter nicht verdecken kann. Freilich gilt auch für die Washington Post: Sie ist ein Massenmedium. Im Bild wird hier Niklas Luhmanns bevorzugtes Paradox greifbar: Der Verdacht gegen Medien wird erst durch die Medien selbst ermöglicht. Mehr als das: Sie stellen die allgemein akzeptierte "Hintergrundrealität" bereit, auf die sich auch jede Abweichung immer bezieht. "Die Realität der Massenmedien" ist letztlich die einzige, die wir haben. Vieles, was sich über die Systemtheorie allgemein sagen läßt, ließe sich auch über Luhmanns neues Buch sagen. Etwa die konsequent kontraintuitive oder sogar verwendungskonträre Neubesetzung von Begriffen wie "Sinn", "Rationalität", "Beobachtung". In solchen Fällen liest sich "Die Realität der Massenmedien" wie eine Abarbeitung längst eingeführter Motive. So verliert man sich immer wieder in erkenntnistheoretische Grundsatzdebatten, obwohl Luhmanns theoretischer Anspruch sehr konkret ist. Es geht ihm um eine leistungsfähige Beschreibung mit präzisem Instrumentarium, die mehr von den Massenmedien erfaßt als es ohne Systemtheorie möglich wäre. Da aber die "Realität der Massenmedien" keine Einführung in die Systemtheorie bietet, fällt es schwer, diesen konkret analytischen Anspruch zu überprüfen.

Anwendung der "Grand Theory"

L uhmann versteht die Massenmedien als soziales System, analog zu Wirtschaft, Wissenschaft, Religion etc. Wie alle sozialen Systeme sind seine Elemente weder Individuen noch Gruppen oder Organisationsformen, sondern kommunikative Operationen. Ein solches System konstituiert sich selbst durch die Abgrenzung von einer komplexeren Umwelt. Umwelt entsteht ihrerseits erst durch die Selbstkonstitution des Systems. Dabei erzeugen die Systeme spezifische Codes, die darüber entscheiden, was kommuniziert wird. Im Fall der Massenmedien lautet dieser Code "Information" versus "Nichtinformation". Nur Information wird kommuniziert. Das gilt für alle drei Programmbereiche, die Luhmann innerhalb der Massenmedien unterscheidet: Nachrichten und Berichte, Werbung, Unterhaltung. Jeder dieser Programmbereiche trägt auf seine Weise zur Konstruktion gesellschaftlich geteilter Realität bei. Nun gehört der Verdacht, die Massenmedien manipulierten unsere Sicht der Realität, zum Standardrepertoire der Medienkritik. Von Manipulation kann aus systemtheoretischer Perspektive überhaupt nicht die Rede sein, weil man die Funktion der Massenmedien gerade darin liegt, gesellschaftlich geteilte Realität zu ermöglichen. Da eine solche Funktion nur unter Bedingungen des Systems der Massenmedien erfüllt werden kann, richtet sich jeder Manipulationsverdacht gegen ein Phantom. Daß es überhaupt einen solchen Verdacht gibt, zeigt, daß die erzeugte massenmediale Realität nicht konsenspflichtig ist. Dies macht das System besonders leistungsfähig für eine ausdifferenzierte Gesellschaft.

Analytischer Nutzen

W ie leistungsfähig aber ist die "Realität der Massenmedien" für medienwissenschaftliche Zwecke, wie leistungsfähig ist das theoretische Instrumentarium, das Luhmann bereitstellt? Mediengeschichte wird unter dem großen Bogen "Systemtheorie" als Beleg instrumentalisiert, statt Phänomene und Ereignisse als Anlaß für eine Theorie zu verstehen. Es scheint ausgeschlossen, daß Medienwandel zum Beispiel den systemtheoretischen Ansatz revidieren könnte - oder gar den Ansatz für medienwissenschaftliche Zwecke ausschließt. Stets sollen Beobachtungen bestätigen, was die Systemtheorie immer schon wußte. Integrative Versuche zwischen Systemtheorie und medienwissenschaftlicher Empirie stehen deshalb noch aus. Luhmanns Theorie der Masssenmedien enthält die implizite Aufforderung an den Einzelnen, sich still zu verhalten: Das System ist von außen ohnehin nicht direkt zu beeinflussen, und das ist gut so - es wird schon wissen, was es tut. So legt Luhmanns wissenschaftlicher Anspruch einer adäquaten Beschreibung durchaus bestimmte Handlungs- oder eher Unterlassungsweisen nahe: Passivität und Affirmation des Bestehenden. Wer Luhmanns Theorie für richtig hält, wird nicht umhin kommen, ihre Folgen zu akzeptieren. Wer dagegen ihre erkenntnistheoretischen Prämissen bezweifelt oder auch die Anwendung der Systemtheorie auf konkrete Sachverhalte nicht in allen Punkten für gelungen hält, muß sich nicht bedingungslos den Konsequenzen unterwerfen. Viele interessante Beobachtungen Luhmanns zur "Realität der Massenmedien" lassen sich dennoch entdecken.

Niklas Luhmann, "Die Realität der Massenmedien", Opladen 1996, DM 24,80



November1996 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg