Aktuelle Ausgabe - Archiv Übersicht - Sprachwissenschaften Universität Hamburg

Der erste Durchgang

Z usammenfassender Bericht über das zweisemestrige Projektseminar "Filmisches Arbeiten" des Nebenfachstudiengangs "Medienkultur".

Von Ludwig Fischer

B ei diesem kurzen Erfahrungsbericht verzichte ich darauf, die Angaben noch einmal zu wiederholen, die im Zwischenbericht in den ZMM news vom Wintersemester 1995/96 zusammengestellt sind - also die Angaben zu Titel, Gesamtkonzept, Semesteraufteilung und auch zur thematischen Arbeit des ersten Semesters.
Ich schließe an den letzten Absatz dieses Zwischenberichts an; dort war bereits auf eine grundlegende Schwierigkeit für die Durchführung des Projektseminars hingewiesen worden: Die von der organisatorischen Routine der Universität völlig abweichenden Anforderungen der praktischen Filmarbeit auch an noch so bescheidenen Vorhaben.

Einstieg in die Praxis

Am Ende des Sommersemesters 1995, also nach Abschluß des theoretischen bzw. historisch-analytischen Teils, verständigte sich die Seminargruppe darauf, in einer 'Findungsphase' zunächst thematische Vorschläge für einen Kurzfilm (max. 10 Min.) individuell zu erstellen, um dann in einer ersten Konzeptdiskussion ein oder zwei Vorhaben für die Realisierung herauszufiltern.
Schon in dieser Phase erwiesen sich Sondersitzungen des Seminars als unumgänglich. Obwohl die Gruppe klein war - zehn Mitglieder - traten die hinlänglich bekannten Probleme auf, Termine zu finden, die alle wahrnehmen konnten. Jobverpflichtungen, Praktika und andere Bindungen führten dazu, daß bei den vereinbarten Treffen in den Semesterferien nie alle Gruppenmitglieder anwesend sein konnten. Zwangsläufig führte dies zu allerlei Irritationen, Informationsdefiziten und zusätzlichen Kommunikationsaufwänden.
Bei der ersten Diskussion über vorgeschlagene Filmprojekte dominierten Skizzen zu einer filmischen Auseinandersetzung mit Schwanitz' Campus-Buch und seinem Erfolg. Alle skizzierten Konzepte zielten auf eine mehr oder weniger ironische bis sarkastische filmische'Kommentierung' des Schlüsselromans und seiner Wirkung. Die im Theorieteil des Seminars angezielte 'Brechung' sowohl der klassischen Spielfilm- als auch der Dokumentarfilm-Konventionen war bei allen Vorschlägen mehr oder weniger markant zugrundegelegt - bis hin zu mehrfachen Verschachtelungen fiktiver Dokumentarfilm-Sequenzen und parodierter Spielfilmszenen.

Wieviel Aufwand ist möglich?

B ei der Erörterung der Kurzexposés kamen jedoch nicht nur Zweifel daran auf, ob die vergleichsweise ambitionierten Projekte (größere Zahl von Schauspielern, viele Drehorte, unsichere Realisierung der fingierten Dokumentaraufnahmen usw.) mit den sehr begrenzten personellen und sächlichen Ressourcen würden umzusetzen sein. Immer stärker wurde auch der Widerwille dagegen, sich an das Medien-Spektakel des Bucherfolgs gewissermaßen anzuhängen.
In der zweiten Augusthälfte nahmen die meisten Seminarmitglieder am zweiwöchigen Kompaktkurs des Medienzentrums zur Aufnahmearbeit teil. Der in diesem Zusammenhang angesetzte Ferientermin des Projektseminars zeigte nicht nur, daß die intensive praktische Arbeit mit Kamera, Tonequipment, Studioeinrichtung und schließlich auch Schauspielern für viele zu einer 'realistischen Einschätzung' der Möglichkeiten für ein eigenes, kleines Filmvorhaben führte. Sondern die Diskussion über die erarbeiteten Exposés ließ deutlich die immer stärkeren Vorbehalte gegen das zunächst mehrheitlich favorisierte Campus-Projekt hervortreten. Die Erfahrungen aus dem Kompaktkurs intensivierten die Bedenken.
Für Anfang Oktober war jedoch die Fertigstellung eines relativ weit ausgearbeiteten Treatments vereinbart. Das zwang die Seminarmitglieder, in einer Reihe von informellen Treffen - bei denen immer nur ein Teil der Gruppe anwesend sein konnte - eine Entscheidung über ein definitiv zur Realisierung vorgesehenes Projekt zu fällen. Anfang September erhielt ich die Mitteilung, daß die Überlegungen zu einem Campus-Essay endgültig fallengelassen worden waren. Stattdessen entschloß sich die Mehrheit, die Themenstellung des Kurzfilm-Festivals 1996 aufzugreifen und eine dreiminütige filmische Studie zum vorgegebenen Thema 'Mutter' zu erarbeiten.

Eine Vorlage von Freud

A nfang Oktober lag dann ein Treatment vor, das eine Episode bei Freud ('Spulenwurf' - Szene aus 'Jenseits des Lustprinzips') zum Ausgangspunkt nahm und erstens eine Inszenierung dieser Szene vorsah - schon zu Beginn mit Brechung zumindest auf der Ton-Ebene -, zweitens eine Kombination mit Ausschnitten aus thematisch einbeziehbaren Spielfilmen von Eisenstein und Fritz Lang bis Woody Allen, Greenaway und Topor, drittens das Einbeziehen von dokumentarischem Material (Spielplatz-Szenen u. ä.).
Es wurde sehr schnell klar, daß ein Drei-Minuten-Film nicht genügend Raum für eine so komplexe Montage bzw. Collage bieten würde. Deshalb kristallisierte sich der Plan heraus, den Film für das Kurzfilm-Festival allein aus der Inszenierung der Freud-Episode zu erarbeiten und eine andere, etwa 10 Minuten lange Version des thematischen Vorwurfs zu erstellen, die dann eine mehrschichtige und mehrteilige Kombination der verschiedenen Materialien enthalten sollte.
Die Seminargruppe teilte sich, nachdem ein detailliertes Treatment für die Inszenierung der Freud-Episode ausgearbeitet war, Anfang des Wintersemesters in mehreren Untergruppen auf, die verschiedene Aufgaben für die praktische Umsetzung übernahmen. Die Gesamtgruppe und die Untergruppen arbeiteten völlig autonom; ich war an den konkreten Vorbereitungen nicht beteiligt, wurde informiert und - wo nötig - zur Klärung technischer und organisatorischer Fragen hinzugezogen
Als größtes Problem erwies sich die Beschaffung eines geeigneten Raums für die Dreharbeiten. Es mußten parallel verschiedene Alternativen erschlossen und durchgespielt werden. Das Institut für Theater, Musiktheater und Film ermöglichte uns dann schließlich, die Dreharbeiten im Studio der Zeise-Hallen durchzuführen.
Die Studierenden mußten aus eigenen Mitteln einen Fonds bilden, aus dem entstehende Unkosten zu begleichen waren. Die technische Ausrüstung war im Studio vorhanden, Aufnahmematerial stellte das Medienzentrum bereit. Der Techniker des MZ, Herr Remer, unterstützte die Vorbereitungen der Studioarbeit.
Alle übrigen Erfordernisse - Schauspielerin, Requisite, Versicherung usw. - mußten die Studierenden selbst sicherstellen.
Zum Drehtermin war ein detailliertes Drehbuch ausgearbeitet worden. Die Seminarmitglieder hatten sich auf eine klare Arbeitsteilung geeinigt, die ein sehr konzentriertes Drehen ermöglichte. Die Aufnahmearbeiten selbst wurden an einem einzigen Drehtag durchgezogen.
Schnitt, Vertonung und Nachbearbeitung für die Kurzfassung erwiesen sich als außerordentlich aufwendig. Die Einarbeitung in die digitalisierte Schnittanlage des MZ, die Sichtung und Überspielung des Aufnahmematerials, die Erstellung eines Schnitt-Drehbuchs und seine Umsetzung, die Vertonung in einem externen Studio erforderten eine Vielzahl von Terminen, was über den 'normalen' Arbeitsaufwand für ein Seminar weit hinausging.

Post-Production

Schnitt und Vertonung der Kurzfilm-Fassung wurden in Kleingruppen vorgenommen. Die komplette Seminargruppe traf sich mehrfach zu Sichtungs- und Diskussionsterminen. Parallel zur Fertigstellung der Drei-Minuten-Fassung arbeiteten die Seminarmitglieder in weiteren Kleingruppen-Zusammensetzungen an der Selektion des Spielfilm-Materials, der Herstellung der Dokumentar-Sequenzen und an einem Montage-Drehbuch für die längere Version. Die Arbeit überschritt das Semesterende weit. Zusätzlich zum Zeitdruck für die Abgabe des Kurzfilms (1. März) entstanden Engpässe durch konkurrierende Projekte im Schnittstudio. Dadurch ergaben sich Restriktionen für die Realisierung der längeren Fassung.
Wenn ich die Erfahrungen des ersten Projektseminars resümieren soll, dann steht für mich die Einsicht an oberster Stelle, daß eine sinnvolle praktische Medienarbeit jenseits der organisatorischen Vorgaben des Semesterbetriebs geplant werden muß. Dies führt für alle Beteiligten zu erheblichen Schwierigkeiten, da die übrigen, großenteils an diesen Routinen orientierten Verpflichtungen ja weiterbestehen. Vermutlich läßt sich ein Film- oder Radio-Projekt am ehesten in mehreren kompakten Blöcken während der Semesterferien realisieren. Das muß lange vorgeplant und sehr gut vorbereitet werden. Auch für kleine Filmvorhaben reichen die Ressourcen des Medienzentrums schon nicht mehr aus. Ohne das Entgegenkommen des Regie-Instituts, ohne die Mobilisierung der privaten Ressource eines professionellen Tonstudios und ohne Nutzung vieler anderer privater Hilfsquellen wären die kleinen Filmprojekte nicht zu verwirklichen gewesen. Von den Studierenden haben sie nicht nur ein heute keineswegs selbstverständliches Maß an Kooperation, Abstimmung und einvernehmlicher Arbeitsteilung verlangt, sondern über die sehr hohe Arbeitsbelastung hinaus auch ein merkliches finanzielles Opfer. Das ist für den Regelfall den Studierenden nicht zuzumuten.

Was folgt für weitere Projekte?

K onsequenzen für weitere Projektseminare müßten zumindest sein: Bildung eines kleinen finanziellen Fonds, um entstehende Unkosten abzufangen; Aufbau institutionalisierter Kooperationen mit Studios, Sendern, evtl. Bühnen u. ä., um im konkreten Fall auf mobilisierbare Ressourcen zurückgreifen zu können; Planung der Seminare in 'freier' Form, vermutlich regelhaft zumindest in der zweiten Phase als Blockseminare; Verpflichtung der Seminarmitglieder, die möglichen Schulungen und Einführungen in praktische Medienarbeit rechtzeitig zu nutzen; regelhafte Lehrveranstaltungsangebote in die Konzeptionierungs- und Planungsarbeit für Film, Fernsehen, Radio (Eigenwerbung von Lehraufträgen).
Ziel ist es nicht, z. B. dem Aufbaustudiengang Filmregie eine zwangsläufig dilettantische, weil mit völlig unzureichenden Ressourcen operierende Konkurrenz zu machen, sondern eine bewußt punktuelle, nicht auf professionelle Perfektion, sondern auf realistische Erkundung von Medienpraxis ausgerichtete, elementare Erfahrung im eigenständigen Umgang mit Produktionsroutinen moderner Massenmedien zu ermöglichen. Der Konfrontation von Phantasie, Kreativität, theoretischer Reflexion und 'passiver Medienerfahrung' mit den Konventionen, 'Zwängen', technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen der (vor-professionellen) Medienproduktion kommt dabei weit größere Bedeutung zu als einer vermeintlich berufsvorbereitenden Schulung im Umgang mit Produktionsapparaten.

Nachtrag:

D ie Diskussion über den hier vorliegenden und den Bericht der Studierenden ergab folgende drei Minimalforderungen für die Organisation künftiger Projektseminare:

1. Vorbesprechung für das Projektseminar bereits am Ende des vorhergehenden Semesters mit schon genauen Angaben zur Durchführung der Lehrveranstaltung sowie Art und Umsetzung des geplanten 'praktischen' Teils; Einarbeitungs- und Vorbereitungshinweise.
2. Vorschriften für eine verbindliche Teilnahme der prospektiven SeminarteilnehmerInnen an Grundkursen zur Medienpraxis (Kamerakurs etc.) vor dem Projektseminar. Sicherstellung entsprechender Angebote durch das Medienzentrum o. ä.
3. Konzeptionelle Fixierung und Planung des auszuführenden Projekts bereits zu Beginn des ersten Semesters, um zum einen Theorie- und Praxisanteile besser verbinden und zum anderen den organisatorischen Vorlauf der Durchführung rechtzeitig einleiten zu können.


November 1996 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg