Aktuelle Ausgabe - Archiv Übersicht - Sprachwissenschaften Universität Hamburg

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, hinter der, wie man weiß, immer ein kluger Kopf steckt, hat im Sommerloch 1996 "Räuber auf der Lauer nach Beute" enttarnt. Thomas Steinfeld schrieb am 4.9.1996 auf der Seite "Geisteswissenschaften" über einen Hamburger Streich gegen die Germanistik:

"Vor allem das Buch gilt als Indiz der Weltferne. Jörg Schönert, Mitglied im Vorstand des deutschen Germanistenverbandes, fordert daher die Erneuerung seines marode gewordenen Faches als 'Medienkulturwissenschaft, die 'ein medientheoretisch und mediengeschichtlich begründetes Studium der Literatur' anbieten soll. Dafür gibt es (...) sogar schon Entwürfe zu einem Studienplan.

Nun kann man historischen Gegenständen nicht vorwerfen, daß sie historisch sind, und einem Buch wird man nicht dadurch gerecht, daß man es für eine bald veraltete Form der Mitteilungstechnik hält. Die Rede von den Medien hat denn auch einen anderen Sinn: Sie ist das verbindende Glied zwischen den Disziplinen, die nun in 'Kulturwissenschaften' aufgehoben sein sollen. Darüber hinaus sollen sie den Abstand zwischen der Wissenschaft und dem modernen Leben verringern. Aber niemand merkt, daß auch die Germanistik ebensowenig 'Medienwissenschaft' werden, wie ein Ornitologe nach dem Aussterben der Vögel auf dem Flugzeugbau umsatteln kann."
Das mochten die Hamburger "Medienkulturwissenschaftler" natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Der LitS-GD Knut Hickethier schrieb an die F.A.Z.:

"Seit mehr als zwei Jahrzehnten gibt es in den Geisteswissenschaften medienwissenschaftliche Forschung und Lehre, weil Literatur, Theater, Musik, bildende und darstellende Künste auch mit den Medien zu tun haben. Das mag man bedauern und sich in Kants Zeiten der Übersichtlichkeit der Wissenschaften zurücksehnen, aber es ist nun mal so. Deshalb gibt es auch seit bald fünf Jahren an der Hamburger Universität den Nebenfachstudiengang 'Medienkultur', auf den sich Jörg Schönert bezieht und der von Germanistik, Anglistik und Romanistik gemeinsam getragen wird. Also nicht die Germanistik wird zur Medienkulturwissenschaft, wie Steinfeld insinuiert, sondern es gibt eine wissenschaftliche Beschäftigung u.a. in der Germanistik."

Und Jörg Schönert antwortete Steinfeld in der F.A.Z. v. 19.9.1996:

"Wenn die Germanistik nun nicht mehr als Nationalphilologie oder Geisteswissenschaft, sondern als Medienkulturwissenschaft betrieben werden soll, dann wird damit das 'Medium Buch' zum bestimmenden Bezugspunkt, dann gilt 'Printkultur' als Ausgangskonstellation für Fragen zum Prozeß der medial bestimmten kulturellen Veränderungen. Wenn dabei von 'Medienkulturwissenschaft' die Rede ist, wird ein Selbstverständnis bezeichnet, das sich gerade nicht mit 'Medientechnikwissenschaft' (man denke an die Arbeiten von Friedrich Kittler) beschreiben läßt. Und 'die Literatur' und 'das Buch' gehen nun wirklich nicht unter in medientheoretischen und mediengeschichtlichen Erörterungen, die das Konzept 'Germanistik als Medienkulturwissenschaft' begründen sollen."

Karl Robert Mandelkow, Emeritus der Germanistik, konstatierte dagegen nur kühl (allerdings in der 'Frankfurter Rundschau'), es sei für eine

"junge Germanistengeneration zur Herausforderung geworden, eine bisher auf Wort und Schrift gerichtete Wissenschaft 'aufzurüsten' und zu modernisieren, um ihre Daseinsberechtigung als Teil der universellen Informationstechnologie zu retten." (FR v. 24.9.96)

So kommen die Wissenschaftsdebatten doch noch zustande und zumindest haben wir gelernt, daß sich die Germanisten als Ornitologen und die Medienwissenschaftler als Flugzeugbauer zu verstehen haben. Verwechselt die F.A.Z. nicht vielleicht den Aerospace dann doch mit dem

Die Redaktion


November1996 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg