Aktuelle Ausgabe - Archiv Übersicht - Sprachwissenschaften Universität Hamburg

Radio im Internet - Ein Selbstversuch

In angestaubten Radiozeitschriften sind sie noch zu finden, die Geschichten vom ersten Erfolgserlebnis mit dem neuen Weltempfänger, vom vertrauten Klang der deutschen Sprache unter südlichem Sternenhimmel (oder umgekehrt: deutscher Sternenhimmel - fremde Klänge). Ähnliches werden auch Sie Ihren Enkeln später erzählen können, wenn Sie sich jetzt noch schnell entschließen, Zeit, Geld und Geduld zu investieren, um zu den Pionieren der Internet-Radio-Hörer zu gehören.

Von Gabi Dobusch

Die ersten Hinweise auf entsprechende Adressen fanden sich im letzten halben Jahr in jeder der tausend Computer- oder Netzzeitschriften, die es hierzulande so gibt, und da nirgendwo mit 'links' gegeizt wird (die Liste meiner 'bookmarks' nahm jedenfalls innerhalb weniger Stunden (!?) ungeahnte Längen an), kann gesurft werden, wohin die Welle bzw. das Netz oder auch der Geldbeutel so trägt. Eine eigene 'homepage' hat mittlerweile fast jeder Sender (seit August sogar der NDR). Keiner will den Anschluß an das zukunftsträchtige Medium 'Internet' verpassen - auch wenn noch nicht auszumachen ist, wohin die Reise geht, und es mancherorts an Fachkenntnis mangelt. Die ersten Online-Redaktionen sind bereits gegründet, und während die Digitalisierung der Sendetechnik auf vollen Touren läuft, lassen sich Rundfunkmitarbeiter im Erstellen von 'Web'-Seiten schulen.

Radio im Internet? Tatsächlich Radio!

Real Audio im InternetW er im neuen Medium nichts anderes sucht als das alte Medium, wird nicht enttäuscht: Weltweit finden sich Radiostationen, die durchgehend 'live' im Netz 'senden' - 'reine' Internet-Stationen oder auch 'normale' Sender. Allerdings: der große Hörgenuß bleibt aus. Bei Übertragungen aus fernen Ländern, kann sich zu bestimmten Tageszeiten glücklich schätzen, wer bei Wortbeiträgen entscheiden kann, ob englisch oder doch vielleicht chinesisch gesprochen wird. Hat man europäische Stationen angeklickt, klingt's wie BBC 4 auf Langwelle (bei Gewitter). Nur ganz selten sind die Übertragungsraten so gut, daß es Spaß macht, zuzuhören und gleichzeitig weiterzusurfen. (Sich nur zum Hören ins Netz einzuwählen verbietet sich bei den Telekom-Preisen hierzulande sowieso.) - Empfehlung: Kofferradio auf dem Schreibtisch stehen lassen!

Radio! - Und sonst nichts?

Was einen ansonsten erwartet, variiert gewaltig. Auf manch' einer Seite findet sich wenig mehr als das Sender-Logo oder ein Hinweis auf das, was kommen soll. Einige Sender beschränken sich auf allgemeine, nicht senderspezifische Informationen à la Wetterbericht, Schlagzeilen und Veranstaltungstips. Woanders gehören ausführliche Programminformationen zum Standard. Und die USA haben mit ausgefeilten Online-Angeboten die Nase vorn. Dort gibt es bereits seit Herbst '95 Radiostationen, die nur im Internet 'senden', und viele Radiostationen sind zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Fast immer hat man die Wahl: möchte man hören, was gerade läuft ('live'?), oder ist man an spezifischen Sendungen - wahlweise sortiert nach Themen, Moderatoren, Regionen, Datum, Uhrzeit usw. - interessiert? Clinton's Radioansprache der Woche verpaßt? - macht nichts - einfach anklicken, und da redet er schon. Informationen zum Absturz der Boeing 747 gefragt? - kein Problem: soll es die Pressekonferenz sein, die 'special re-ports' (ganz oder in Häppchen, nur Berichterstatter X oder auch mit Experten Y), das FBI, die TWA oder wieder Clinton? Ein Netzwerk bietet bereits die Möglichkeit, sich ein eigenes Hörerprofil zusammenzustellen und abzuspeichern. Danach wird dann ein eigenes 'Programm' generiert: bei 'Nachrichten' bitte nur Sport und Wirtschaft ( - und nur, wenn von Mr. X präsentiert), 'Wetter' immer von San Diego, Verkehrsnachrichten aus Ohio, ansonsten nur Jazz ... Ob das die Zukunft ist? Deutsche Sender tun sich da noch schwerer. 'Live' sind Deutsche Welle, InfoRadio (24 Stunden Nachrichten und Informationen - alles digital - gemeinschaftlich von SFB und ORB) und BR 5 (Pilotprojekt vom Herbst 1995) im Netz zu hören. Ansonsten bemüht man sich vor allem um die Seiten der Jugendprogramme. Eine aufwendige Gestaltung und jede Menge 'gimmicks' zum Anklicken sollen die Jugendlichen an 'ihren' Sender binden helfen. Bei SWF 3 z.B. läßt sich herausfinden, wer da heute morgen irgendwas mit "California" oder so gesungen hat, und ein Klick auf das Kamera-Symbol bringt eine Momentaufnahme der Moderatoren im Studio (die davon gar nicht begeistert sein sollen) auf den heimischen Monitor. Fan-Club und -Shop verstehen sich - wie überall - von selbst. Richtig zum Hören bietet SWF 3 allerdings, wie andere Sender auch, nur kürzere Programmschnipsel ("Radio-Comix") zum Herunterladen. Am spannendsten geht es derzeit noch bei 'Fritz' (Jugendradio ORB) zu - das HTML-Design plus Inhalt hat seit meinem letzten 'Besuch' schon wieder gewechselt!

Radio hören? Können alle!

Radio WeltweitK önnten. Grundvoraussetzung ist natürlich ein Rechner, ein Modem und ein Internetzugang, eventuell noch eine Audiokarte und Lautsprecher. Und wie immer gilt: je schneller, besser und teurer der Rechner, die Leitung usw., um so besser. Das ist aber nur der Anfang. Wer nicht nur die bunten 'Web'-Seiten betrachten will, sondern auch etwas hören will, muß zum Experten für 'plug ins' (Zusatzprogramme zum 'Webbrowser') werden, ohne die nur in den seltensten Fällen ein einziger Ton erklingt. Diese Zusatzprogramme können zumeist direkt von der Adresse des gewünschten Radioanbieters aus (per Mausklick) heruntergeladen werden. Leider hat die Sache ein paar Haken: 1. Es dauert - je nach Tages- oder Nachtzeit auch mal 'ne Stunde oder zwei -, da fast immer auf amerikanische Server verwiesen wird. 2. Mit einem Zusatzprogramm allein kommt man nicht sehr weit. Auf meiner Festplatte befinden sich derzeit vier - 'RealAudio' (weit verbreitet), 'Streamworks' von Xing (bessere Technik), 'Truespeech' (für 'Chat-Radio') und 'Shockwave' (nicht zum Hören, bisweilen aber zum Sehen notwendig!) - natürlich in den neuesten Versionen, die noch nicht auf deutschen Servern zu finden sind (und bei Apple z.T. nur auf neuesten Modellen mit neuestem Betriebssystem laufen). 3. Irgendwie müssen alle Programme installiert und der 'Webbrowser' entsprechend konfiguriert werden. 4. Es gibt Radiostationen, die erobert werden wollen. BBC 1 verrät einem nur dann, welches Zusatzprogramm notwendig ist, um in den Genuß des Angebots zu kommen, wenn man es bereits hat - anders läßt sich die entsprechende Seite nicht lesen! (Meine diesbezügliche E-mail-Korrespondenz mit der BBC hat mich stark an meinen Englischkenntnissen zweifeln lassen und war nicht von Erfolg gekrönt - es lebe das 'Trial-and-Error-Verfahren'.)

Radio im Internet? Zukunftsmusik!

E s darf noch weiter gebastelt werden. Die Technik ist nicht ausgereift - und ebensowenig sind es die Konzepte. Noch ist nicht ersichtlich, ob Radio im Netz reines Zusatzangebot bleibt oder anderen Formen von 'Audio-on-Demand' Konkurrenz machen bzw. sie ergänzen wird. Wer lädt sich die 6-minütige Nachrichtensendung von InfoRadio herunter, wenn dies laut 'Webbrowser' voraussichtlich 58 Minuten dauern wird - und spätestens in 19 Minuten die aktualisierte Fassung derselben 'live' zu hören sein wird? Und vollständige Transkriptionen von Sendungen, wie sie die BBC anbietet, sind wohl am ehesten noch für den Englischunterricht interessant. Das Zauberwort der Radioseiten lautet übrigens 'live': nichts ist schöner (und absurder) als der Versuch, quer durch die Netzseiten und Zeitzonen einem 'Live Event' (Vorsicht: bisweilen von vorgestern) nachzusurfen! Trotzdem lohnt der 'Besuch'. Der Baustellencharakter mancher Seiten hat einen ganz eigenen Charme, der spätestens dann verschwunden sein wird, wenn alle Sender den menschlichen Faktor (weitgehend) ausgeschaltet haben und nicht nur ihr Musikprogramm, sondern auch ihre Netzseiten vollautomatisch vom Rechner gestalten lassen.


November1996 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg