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Die Lindenstrasse im Comic

D ie Zeiten sind vorbei, wo Lindenstraßen-Fans ganze sieben Tage auf die neue Folge am Sonntag warten mußten. Martin Keß, Jens Hinricher und Eckart Breitschuh hatten Erbarmen mit den Fans und schufen ihre ganz speziellen Serienfolgen auf Papier. Wo die Serie "Lindenstraße" thematisch endet, beginnt
die gleichnamige Comic-Reihe, die ebenfalls seriell strukturiert ist und mit echten Cliffhangern aufwartet.

Von Joan Bleicher

Comic1In den Comics wird die fiktionale Serienhandlung auf die Produktionsebene ausgeweitet, die im ersten Band die Rahmenhandlung bildet, in den folgenden Heften direkt in den Plotverlauf integriert wird und im bislang letzten Band "K.O nach Quote" das zentrale Thema bildet. Bereits im ersten Band "Dr. Dresslers letzte Fahrt" tauchen nach der Ermordung des Titelhelden Pressefotografen am Tatort auf und gratulieren der Leiche zum tollen Stunt. Die Serienfiguren empfinden sich dennoch als reale Personen, mŸssen jedoch nach dem gewaltsamen Tod von Dr. Dressler aufgrund intensiver Ermittlungen von Benno Zimmermann und Carsten Flšter entdecken, da§ sie alle nur Geschšpfe des Gottes mit den Augen aus Glas und dem Kopf unter einem bunten Zelt sind: Alles Reden und Handeln ist durch DrehbŸcher vorherbestimmt. Per Pfeilwurf entscheidet "Gott" Geissendšrfer, wer jeweils TŠter und Opfer ist. Die Plots der Lindenstra§en-Folgen sind Ergebnis einer Verschwšrung des Produzenten und der Autoren gegen die Serienfiguren.

Härtere Gangart

D ie gesamte Serienhandlung ist als Potential fŸr die Comicreihe vorhanden, ihre Kenntnis wird beim Leser vorausgesetzt. Doch in der Welt der Lindenstra§en-Comics geht es hŠrter zu als im Fernsehen. Die Stereotypisierung der Figuren wird zusŠtzlich radikalisiert, was die verzerrten Zeichnungen noch unterstŸtzen. In "Die letzte Fahrt des Dr. Dressler" und "Gefallene Engel" ist Klausi Beimer nicht nur Neonazi, sondern er zieht mit Maschinengewehr und Handgranaten bewaffnet durch die Lindenstra§e. Priester Matthias SteinbrŸck wird andauernd verprŸgelt und reagiert mit den Worten: "Er hat es ja nur gut gemeint." Jede Menge Darstellungstabus des Fernsehens werden durchbrochen. Mutter Beimer zieht aufgrund plštzlichen Verlangens nach Herrn Schiller durch das Haus, um Kondome zu suchen. Die werden derweil zuhauf bei Carsten und Robert verbraucht. Selbst vor Sexorgien im Deutschen Bundestag schrecken die Zeichner nicht zurŸck; schlie§lich mu§ doch Helga Beimer Kohl als Bundeskanzler ersetzen ("Die Kandidatin"). Im Comic gerŠt die Lindenstra§e zum Nest des Widerstands: Benno Zimmermann wehrt sich gegen seinen Drehbuch-Tod, Benny Beimer zieht mordend durch die Stra§e, um seine Drehbuchhochzeit mit Tanja Schildknecht zu retten. Der Alltagsorientierung der Serie entsprechend wird nur mit Haushaltswaffen gemordet: Der Rollstuhl von Dr. Dressler saust in den Frisiersalon, Else Kling wird beim Putzen in den Fahrstuhlschacht gesto§en. Im zweiten Teil der Comic-Reihe kommt es zur Revolte der Figuren. Sie wollen kŸnftig Ÿber ihr Schicksal selbst entscheiden und wŸnschen sich fŸr kŸnftige Serienfolgen Action, Sex und GlŸck. Gott Geissendšrfer geht nur zum Schein auf diese VorschlŠge ein. TatsŠchlich ersetzt er im Apollo-Kino, das nur im Vorspann zu sehen ist, ansonstens aber in der Serie nie genutzt wird, seine aufsŠssigen Helden durch Roboter.

Vielfältige Anspielungen

Die Zeichnungen enthalten eine Vielzahl von intermedialen Anspielungen. Isolde Pavarotti bekommt eine eigene Talkshow. Im AutorenbŸro der Lindenstra§e hŠngt ein Kinoplakat fŸr Geissendšrfers "Zauberberg-Verfilmung". Geissendšrfers Hund hei§t wie der ehemalige WDR-Intendant Nowottny, der wiederum selbst in einem roten Bademantel wie ein Weihnachtsmann erscheint und Vodoo-Rituale an einer Geissendšrfer-Puppe vollzieht. Ulli Wickert fŸhrt Interviews mit Kandidatin Beimer. Sie tritt auch bei "Talg (sic!) im Turm" und beim "Hei§en Stuhl" auf. Im ersten Band wird die Binnenhandlung durch eine Weltraumzeichnung eršffnet, die den Schriftzug "Beam me up Scottie" enthŠlt. Hajo Scholz hšrt und sieht schlie§lich eine Fernsehsendung, in der Berta Griese ihn als Feigling beschimpft.Comic2 Die Schraube der fiktionalisierten MedienrealitŠt dreht sich von Comic zu Comic weiter. Das Ende von "Harte Drinks fŸr Mutter Beimer" bringt es an den Tag: Geissendšrfer ist tatsŠchlich Gauweiler, Franz Schildknecht entpuppt sich als maskierter Geissendšrfer. Dieses Ende wiederum wird am Beginn des vierten Teils "Die Kandidatin" als Teil von Dreharbeiten prŠsentiert, die Carsten Flšter wiefolgt kommentiert: "Seine EinfŠlle werden immer wilder, unser Produzent als visionŠrer Maler und Herrgott, Auweia!" Alle Toten der dritten Folge sind wieder auferstanden und beschweren sich Ÿber die Dreharbeiten. Geissendšrfer hat bereits neue PlŠne fŸr die Dreharbeiten: "Bewaffnete Auseinandersetzung mit den Aliens, die die Lindenstra§e als SondermŸlldeponie missbrauchen wollen. Anschliessende Versšhnung, Helga Beimer schenkt den Aldebaranern einen …ko-Trip in den Regenwald, Happy End." (S.6.) Nach "Harte Drinks fŸr Mutter Beimer" werden die Serienfiguren im Aufstand gegen ihren "Gott" Geissendšrfer politisch und wenden sich, mšglichen gesellschaftlichen Funktionen der Serie entsprechend, im Band "Die Kandidatin" dem Bundestagswahlkampf zu. Damit auch Geissendšrfer die Kandidatur von Frau Beimer unterstŸtzt, wird ihm das Amt des BundesprŠsidenten versprochen. Helmut Kohl und Rudolf Scharping wissen sich zu wehren, und so landen die Lindenstra§ler nach einem medienwirksamen Sexattentat auf den deutschen Bundestag schlie§lich im Knast.

Leo Knirsch

Das ist die Chance fŸr Medienmogul Leo Knirsch, die Lindenstra§e in dem bislang letzten Band "K.O nach Quote" in einen Quotenrenner nach bewŠhrten Erfolgsrezepten umzugestalten: Sex, Crime und Starbesetzung. Mutter Beimer wird durch Thomas Gottschalk ersetzt, in der Folge "Judgement Day" zieht Sylvester Stallone als Klausi schie§end durch die Stra§en, nur Arnold Schwarzenegger als Andreas Zenker kann ihn stoppen. Dolly Parson alias Gaby Zenker verspricht verhei§ungsvoll Sauereien. Heinz Schenk ist derweil mit der Umgestaltung des Akropolis in einen Nachtclub beschŠftigt. Die Regie des ganzen Spektakels wird von Steven Spielberg gefŸhrt. Bei ihrer Entlassung aus dem Knast, scheint die echten Lindenstra§ler keiner mehr zu vermissen. Selbst demŸtigende Fernsehauftritte in "Wa(h)re Liebe" und "Wetten da§" (Else Kling mu§ gegen Arnold Schwarzenegger antreten) helfen den Lindenstra§lern nicht weiter. So bleibt nur der kollektive RŸckzug gen Osten in die Pappelgasse nach Bitterfeld, die zur neuen "alten" Lindenstra§e renoviert wird. Geisendšrfer beschwšrt eine Zukunft, in der sich die Zuschauer all der Action ŸberdrŸssig nach den guten alten Serienwelten zurŸcksehnen werden. Ein Team des Senders Pro 47/12 realisiert diesen Traum und macht die "Pappelgasse" zum Grimme-Preis gekršnten Quotenhit. Doch Actionstars ertragen keine Niederlagen, und so kommt es zum finalen Showdown zwischen Hollywood-Lindenstra§e und Pappelgasse, den nur der Bundesgrenzschutz beenden kann. Die Kulissen liegen in Schutt und Asche. Serienfiguren und Leser warten nach diesem Cliffhanger gemeinsam auf die Antwort der Frage: Wie geht es weiter mit der Lindenstra§e?


November1996 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg