Aktuelle Ausgabe - Archiv Übersicht - Sprachwissenschaften Universität Hamburg


"Filmkomik" wird im Wintersemester Gegenstand zweier Seminare sein: Professor Rodenberg vom Englischen Seminar führt seine Reihe der "American Film Genres" mit dem Thema "The Great American Film Comedy" fort, und Christian Maintz, Lehrbeauftragter am Literaturwissenschaftlichen Seminar, stellt das Thema "Zur Metaphysik des Slapstick. Humor im Film" vor. Das Medienzentrum wird beide Seminare mit einer Filmreihe begleiten.


Von Gerald Beeckmann
Z u elf amerikanischen Komödien werden in einigen Fällen "Trailer" zusammengeschnitten, die den Bereich des Slapstick näher beleuchten. Diese Trailer verstehen sich als visuell-empirisches Pendant zur erklärten Absicht von Christian Maintz, "unter Heranziehung klassischer Positionen zur Metaphysik des Lachens (Kant, Schopenhauer, Bergson, Freud u.a.) einen Arbeitsbegriff von Komik zu entwickeln, der insbesondere auch den filmischen Aspekt berücksichtigt".
Als Orientierungshilfe dient dem Medienzentrum hierbei die Vorlesung zur "Visual Comedy" des britischen Forschers R. Atkinson, M Sc. (Oxon.), einer international anerkannten Koryphäe des Humors. Mit Hilfe des Schauspielers Kevin Bartholomeus stellt Atkinson die elementaren Komponenten der physischen Komik optisch dar und vertieft die einzelnen Aspekte durch historisch-cinematographische Diskurse.

Das Medienzentrum wird hieran anknüpfen, indem zusätzliche Beispiele hochreputierter Empiriker des Humors zusammengestellt werden. Vor allem wäre hier die Gruppe junger Männer um Montgomery ("Monty") Python esq. zu nennen, die sich in den späten sechziger Jahren in Kreisen der britischen Intelligenzija von Oxford, besonders aber in Cambridge erheblichen Zuspruchs erfreute. In konsequenter Anwendung der Arbeiten und Thesen des anglo-jüdischen Humorpioniers M. Feldman legte die Gruppe allwöchentlich für die Zeit ihrer von der BBC ausgestrahlten Grundlagensendung den Lehrbetrieb in Cambridge lahm. Der auf dem Gebiet der Computertheorie inzwischen hochgeachtete britische Mathematiker Professor Andrzej Tworkowski erinnert sich an seine Studienzeit in Cambridge: "You had to be there twenty minutes early in order to get a seat. Otherwise they were all gone. Nevertheless you usually missed half the show because the lad behind you was still laughing about the first joke while the one in front of you allready started to laugh about the next one."
Völlig unbeeindruckt von Schopenhauer scheint es an dieser Stelle angebracht, die Frage zu stellen: Was ist eigentlich komisch? In der Encyclopædia Britannica befindet sich hierzu erstaunlicherweise kein Hinweis: Zwischen "Funnel Web Spider" und "Fur" klafft eine betrübliche Lücke. Was "funny" ist, scheint entweder banal oder nicht erklärbar zu sein. Websters Third International Dictionary verweist immerhin auf den doppelten Bedeutungsaspekt des Wortes: einerseits wird das Lustige benannt, das uns amüsiert, andererseits das Merkwürdige, das von der Norm abweicht. Erinnern wir uns an den Lateinunterricht, fällt uns die unvergeßliche Phrase vom "Camelus mirus" ein. "Mirus, a, um: merkwürdig, komisch" stand im Glossar. Mitnichten wurde hier allerdings ein amüsantes Wüstenschiff bezeichnet, sondern etwas Merkwürdiges, das uns nachdenklich stimmt - oder auch nicht. Ein "komischer Typ" muß uns andererseits nicht unbedingt automatisch zum Lachen bringen; dennoch haftet der Komik oft auch der Aspekt des Merkwürdigen, Überraschenden und von der Norm abweichenden an. Allerdings reicht dies für eine Definition noch nicht aus. Vielleicht hilft vorläufig die etwas banale Erklärung weiter: Komisch ist das, was wir komisch finden.

Das lachende Subjekt

Damit wären wir bei einem entscheidenden Aspekt der Komik: dem lachenden Subjekt und somit der Subjektivität des Lachens. Wer über was lacht ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Cambridge beispielsweise ist nicht gerade dafür bekannt, ein Hort britischer Dorftrottel zu sein. Ist Humor also intelligenz- oder bildungsbedingt? In einigen Fällen scheint dies tatsächlich so zu sein. Wenn zum Beispiel jemand mit dem Gesicht in eine Torte fällt, finden dies manche Leute komisch - und das nicht nur im Film. Andere hingegen entdecken "im letzten Godard-Film einen pikanten kleinen Seitenhieb auf Habermas" und amüsieren sich königlich darüber. Viele wiederum nicht. Ich zum Beispiel. Vielleicht besteht also durchaus ein Zusammenhang zwischen (Vor)bildung und Humor.
Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe - oder mehreren - entscheidet ebenfalls darüber, was wir komisch finden, bzw. komisch finden dürfen. Letzterer Hinweis ist vor dem Hintergrund einer Bewegung zu verstehen, die in jüngster Zeit unter der Bezeichnung "Political Correctness (PC)" auch und vor allem an Universitäten Fuß gefaßt hat. Der Schutz von Minderheiten jedweder Art - erklärtes Ziel der Bewegung - hat zu einer eklatanten Beschneidung des humoristischen Repertoires geführt: Keine Witze auf Kosten ethnischer Gruppen! Das gilt auch für Ostfriesen. Keine geschlechtsdiffamierenden Witze! Merke: Auch Blondinen sind Frauen. Besondere Rücksicht ist ferner zu nehmen auf: "Personen mit besonderen Fähigkeiten" (= geistig oder körperlich Behinderte -> "Irrenwitze"), Homo-, Bi-, Hetero- oder Sonstwie-Sexuelle (-> "Zoten") sowie Angehörige von Religionsgemeinschaften (-> z.B. "Papstwitze"). Diese Aufzählung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.
Ein Verstoß gegen diese Maximen hat nicht allein die gesellschaftliche Ächtung zur Folge ("Sowas findest Du also komisch! Das hätte ich ja nicht von Dir gedacht! Naja, damit ist unsere Beziehung dann für mich erledigt!"). Es kann durchaus weiter gehen, wie man an den Lesungen des Kabarettisten Wiglaf Droste sieht, die von Buttersäure-Anschlägen und handfesten Prügeleien begleitet werden.
Dennoch wirft diese Angelegenheit ein fürwahr erhellend Licht auf das Problem des Humors. Einerseits braucht Komik häufig ein Opfer. Irgendjemand verhält sich z.B. besonders dumm - im gesprochenen Witz - oder ihm geschieht - im Film - ein Mißgeschick. Ist dieser jemand nun Repräsentant einer bestimmten Gruppe, setzt dies für das Verständnis der Komik ein Wissen um deren antizipierte Eigenheiten voraus: Blondinen sind dumm, Helmut Kohl auch, Schotten sind geizig und Frauen können nicht Autofahren. Fehlt dieses Vorurteil, geht die Pointe verloren. Ein gutes Beispiel hierfür wäre die Geschichte "Rubbersoles" des bekannten Humor-Zionisten E. Kishon, für deren Verständnis vorausgesetzt wird, daß der Leser die Meinung des Autors teilt, Araber seien zu dämlich zum Schuhekaufen. Wer Araber für normale Menschen hält, versteht die Geschichte nicht.
Ferner verstößt die Komik oft bewußt gegen Tabus. Dies gilt insbesondere für den Slapstick-Film, aber auch für gesprochene Witze. "Was ist der Unterschied zwischen einer Frau und Jesus Christus? - Der Gesichtsausdruck beim Nageln." Neben der sprachlich brillanten Verwendung eines Homonyms zeichnet sich dieser Gag vor allem dadurch aus, daß er gleich mehrere Tabus bricht, was dazu führt, daß bestimmte Personen darüber gar nicht lachen können: vor allem Frauen und Päpste. Andererseits ist er ein vorzüglicher Konfirmandenstunden-Crasher.
Wir haben uns bisher vor allem mit der sprachlichen Seite des Humors befaßt. Dies hat einerseits seinen Grund darin, daß dies eine Zeitung ist und kein Film. Andererseits soll an dieser Stelle nicht den Seminarleitern und ihrer Sicht der Materie vorgegriffen werden. Trotzdem wollen wir kurz auf den Kurs von Mr. Atkinson zur "Visual Comedy" eingehen.

Mr. Beans Komik-Prinzipien

Atkinson unterscheidet drei Prinzipien, nach denen ein Gegenstand - oder auch ein Mensch - Komik erzeugen kann:
1. Er kann sich auf eine unerwartete Weise verhalten. Dabei wird die Grenze zum Absurden oft überschritten: "Kommt ein Pferd in eine Bar..." zum Beispiel oder das Killer-Kaninchen in "Die Ritter der Kokosnuß".
2. Er kann sich an einem ungewöhnlichen Ort befinden. John Cleese beispielsweise, der mitten in einer Szene auf einer Straßenkreuzung am Schreibtisch sitzt und "and now for something completely differend" sagt, oder als Mitarbeiter des "Ministeriums für komische Gänge" die Straße in einer doch recht ungewöhnlichen Gangart überquert.
3. Er kann eine ungewöhnliche Größe haben. Wenn der Westernheld zum Beispiel einen Revolver trägt, dessen Lauf die Länge eines Spazierstocks hat, oder Helmut Kohl neben König Hussein steht, dann ist das komisch.
Diese Prinzipien sind beliebig kombinierbar. So kann beispielsweise ein Kerl in einer Ritterrüstung auf dem Arbeitsamt den Leuten ein totes Huhn um die Ohren schlagen oder ein zehn Meter großer Pinguin mit giftigen Tentakeln den Polarforscher in der Wüste verfolgen.
Gewalt ist ein anderes Phänomen, das oft zur Erzeugung von Komik herangezogen wird. Nicht von ungefähr bezeichnet der Ausdruck "Slapstick" den Knüppel, mit dem "Punch", das englische Pendant zum deutschen "Kasper", seine Widersacher schlägt.
Die Art der Gewaltdarstellung und der narrative Kontext sind hier für den Grad der erzeugten Komik entscheidend. Das Beispiel von "Pulp Fiction" macht dies vielleicht deutlich: Einige Leute können über die Gehirnmasse im Auto herzlich lachen, anderen ging dies entschieden zu weit. Einfacher ist dies bei Filmen, die von vornherein klar machen, daß sie nicht ernst genommen werden wollen. Wenn Oliver Hardy Stan Laurel eins überzieht, wenn Inspector Clouseau seinen Diener Cato unglaublich vermöbelt, oder wenn Harpo Marx auf seine unvergleichliche Art Schläge austeilt, dann beschwert sich kaum jemand über unangebrachte Brutalität. Neben der erklärten Absicht dieser Filme, amüsieren zu wollen, ist für die Rezeption der Gewalt sicherlich die Art ihrer Darstellung verantwortlich. Oft wird hier eine übertriebene Härte angewandt, die selbst einen Eishockeyspieler für mindestens zwei Minuten vom Platz fliegen ließe. Die Gefechte werden zum Teil unter Verwendung von unkonventionellen, ja absurden Mitteln ausgetragen. In "Hot Shots II" werden die Gegner beispielsweise mit Hühnern erschossen und geben als breiige Masse an der Wand einen letzten Kommentar ab. Absurdität und Übertreibung unterstützen hier die komische Wirkung. Dies bedeutet allerdings nicht, daß alle Zuschauer dies auch komisch finden. Anscheinend gibt es immer Leute, die, von einer tiefen Ernsthaftigkeit erfüllt, überall einen Grund zum Philosophieren suchen. (Treffen sich zwei Philosophen. "Guten Morgen", sagt der eine. Der andere grübelt den ganzen Tag: "Was hat er nur damit gemeint?").

Komische Wissenschaft

D as bringt uns zum Abschluß zur Wissenschaft, die ebenfalls häufig Anlaß zu humorigen Ausbrüchen bietet. Nicht immer ganz freiwillig. Unter Akademikern ist eine besondere Spielart des Humors zu beobachten: der Witz über die verhaßte Nachbarfakultät. Daher zum Schluß eine Geschichte, die Mediziner gern über Verhaltensforscher erzählen. Wie in der Wissenschaft üblich, ist sie etwas umständlich:

Ein Verhaltensforscher hat einem Floh beigebracht, auf das Kommando "Hopp!" zu springen. Er stellt daraufhin eine empirische Untersuchung an. Der Verhaltensforscher gibt das Kommando: Hopp! Der Floh springt. Der Verhaltensforscher mißt: 20 cm. Aufgeschrieben und festgehalten. Dann reißt er ihm ein Bein aus ( Der Verhaltensforscher dem Floh natürlich). -"Hopp!" 18 cm. Er reißt ihm das zweite Bein aus. "Hopp!" 15 cm. Das dritte Bein. "Hopp!" 12 cm. Das Vierte. "Hopp!" 8 cm. Das fünfte. "Hopp!" 4 cm. Schließlich reißt er ihm auch das letzte Bein aus. "Hopp!" Nichts. "Hopp!!" Immer noch nichts. "HOPP!!!" Der Floh rührt sich nicht. Der Verhaltensforscher notiert folgerichtig als Ergebnis seiner Untersuchung: "Wenn man einem Floh alle sechs Beine ausreißt, wird er taub."


November 1996 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg