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SCHNELLER,HÄRTER

DRECKIGER

Betrachtungen über den Zustand der Medien

Von Gerald Beckmann

 

Verstärkt seit dem Tod von Diana, Princes of Wales und Herzkönigin der Yellow-Press, ist die Berichterstattung der Medien in die Kritik geraten. Erstaunlicherweise wurde diese Kritik vor allem durch die Medien verbreitet. Verschiedene Autoren reflektierten über die Ursachen und Auswege aus der - eingestandenermaßen - desaströsen Situation.Dabei waren diese Äußerungen nicht immer frei von Vorwürfen gegen die eigene Zunft. Die etabliert-seriösen Autoren, wie beispielsweise Franz Alt, taten sich leicht, eine Berichterstattung einzuklagen, die sich am objektiven Interesse der Allgemeinheit orientiert. Diese Forderung ignoriert in unverständlichem Maße die grundlegende Ursache für das Dilemma der Berichterstattung:

Die Nachricht ist ein Wirtschaftsgut

Wie jedes andere Wirtschaftsgut unterliegt auch die Nachricht, und damit ist hier jede Form der Berichterstattung und jedes Thema gemeint, marktwirtschaftlichen Gesetzen. Folgende Faktoren wirken sich dabei nachhaltig und letztlich auch nachteilig auf die Berichterstattung aus:

Die Nachfrage

In diesem Fall sind das die Konsumenten von Nachrichten. Jeder Zeitungsleser, jeder Fernsehzuschauer und jeder Radiohörer, aber auch jeder Internet-User schafft mit seiner Entscheidung für ein bestimmtes Produkt eine Nachfrage. Diese schlägt sich in Einschaltquoten und verkaufter Auflage nieder, was sich somit direkt auf die Anzeigenpreise auswirkt. Wenn man bedenkt, daß in der Regel über 50 Prozent eines Produktes über die Werbung finanziert werden, wird klar, welch ein Druck die "Quote" für die Journalisten darstellt. Besonders ist dies bei privaten TV- und Rundfunkanbietern der Fall, die fast das gesamte Produkt über Werbung finanzieren müssen. Damit kommen wir zum zweiten Faktor:

Das Angebot

Bei der Gestaltung eines Printproduktes - beispielsweise einer Zeitschrift - wird von vorn herein eine bestimmte Zielgruppe ins Auge gefaßt. Bei der sogenannten Yellow-Press ist dies traditionell die Frau zwischen 30 und 70 Jahren. Die Marketingabteilung hat bei der Gestaltung der Zeitschrift ein deutliches Mitspracherecht, denn die Anzeigen sind ebenso zielgruppenbewußt gestaltet wie die Artikel. Es gibt jedoch noch einen weiteren Faktor, der in der traditionellen Wirtschaftslehre weniger beachtet wird:

Der Rohstoff

In diesem Fall ist dies das Ereignis oder die Person, die im Mittelpunkt der Berichterstattung steht. Viele dieser Personen sind nachgerade darauf angewiesen, daß über sie berichtet wird. Dabei gilt häufig der Satz "Es gibt keine schlechte Publicity". Egal, was berichtet wird, Hauptsache, der Name wird richtig geschrieben. Schauspieler, Regisseure und andere Künstler sind darauf angewiesen, daß ihr Name im Gespräch bleibt, da sie so ihren Marktwert erhöhen.

Drei Seiten hat also die Medaille und nicht, wie oft behauptet wird, nur zwei. Jeder der Beteiligten ist dabei sowohl Opfer wie Täter. Es gehört das Einverständnis einer Schauspielerin - nennen wir sie Jenny Elvers - dazu, sich dabei ablichten zu lassen, wie ihr ein Kollege - nennen wir ihn Heiner Lauterbach - an die Brüste faßt. Sie verdient daran und ist zugleich Opfer, da sie offenbar keine lukrativere Möglichkeit sieht, Geld zu verdienen. Auch der Fotograf ist nicht nur Täter, der heimtückisch den Paparazzo macht. Er unterliegt den Marktgesetzen und verkauft seine Fähigkeiten so gut, wie möglich. Schließlich sind es die Konsumenten, die sich in ihrer passiven Rolle als Leser weder als Täter noch als Opfer fühlen. Doch letztlich sind sie es, die darüber entscheiden, was "Quote bringt" und was nicht. Kaum einem Leser ist bewußt, daß er mit dem Kauf einer Zeitung eine Verantwortung übernimmt. Er ist der eigentliche Täter, der allenfalls den geschickten Vermarktungsstrategien zum Opfer fällt. Seine Entscheidung zwingt nackte Busen auf Titelblätter, genauso wie tote Kinder oder Pinguine ("Tiere gehen immer!" - alte Journalistenweisheit). Seine Entscheidung, auf ein bestimmtes Produkt - und sei es auch nur auf eine bestimmte Ausgabe - nicht zu verzichten, macht ihn zum Hauptverantwortlichen für den Zustand der Medienlandschaft.

Wie sehen nun diese Zustände konkret aus? Welche Auswirkungen hat der Druck der Quote auf die Arbeit von Journalisten?Einige Phänomene sollen hier hervorgehoben werden:

Distanzverlust

Es zeichnet sich eine starke Tendenz weg vom neutralen, passiv beobachtenden Journalismus hin zum beteiligten, aktiv beeinflussenden ab. Gerade im Bereich der Reportage, die ohnehin einen gewissen Erzählcharakter hat und somit einer narrativen Dramaturgie unterliegt, wird vor allem bei privaten TV-Produktionen die Wirklichkeit forciert. Da wird beispielsweise "getestet", ob man wirklich für 200 Dollar in Thailand ein kleines Kind kaufen kann.

Und siehe da: Man kann. Der Reporter geht durch Pattayas Rotlichtbezirk, findet eine Kontaktperson, danach eine arme Familie mit zwölf Kindern und die Reportage ist fertig.

Unter dem Vorwand "investigativ" zu sein, wird das Ereignis erst geschaffen, über das berichtet werden soll. An diesem Punkt ist die Grenze zur Fälschung nur noch Millimeter entfernt. Denn warum nicht einigen Jugendlichen 50 Mark geben, damit sie "Heil Hitler" in die Kamera rufen, wo man doch weiß, vielleicht sogar selbst gesehen hat, daß andere junge Leute dies getan haben? Hier sind Printmedien weit weniger gefährdet, da sie nicht dem Zwang zum Bild und O-Ton unterliegen.

 

Verlust von Nähe

Gleichzeitig ist eine andere Erscheinung zu beobachten, die in dieser knappen Formulierung der ersten zu widersprechen scheint. Der Berichterstatter hat keine "Nähe" mehr zum Gegenstand seines Berichts. Er hat keine Zeit, sich Kenntnisse anzueignen, in die Tiefe zu recherchieren, die andere - und vielleicht noch die dritte - Seite zu befragen.

Eine oberflächliche Reportage ist nichtsdestoweniger häufig wesentlich spannender als eine gut recherchierte,

da sie eindeutiger ist. Nichts lenkt von der eingeschlagenen Tendenz ab. Der Zuschauer kann sich ungestört in alte Fernsehgewohnheiten fallen lassen und sich mit einer Seite oder Person identifizieren. Eine Wahl hat er nicht, da ohnehin nur eine Seite zu Wort kommt.

 

Vereinfachung und Personalisierung

Der Zeitdruck ist ein wesentlicher Faktor, der die Berichterstattung formt. Doch er existiert nicht allein auf Seiten der Journalisten. Vielmehr wird antizipiert, daß auch die Leser im Grunde genommen keine Zeit haben. Jüngstes Beispiel hierfür ist das erstmalige Auftreten von unbedruckten Flecken in der ZEIT. Es kann dem Leser offenbar nicht zugemutet werden, sich ein Thema gründlich zu "erlesen".

Das führt dazu, daß Probleme und komplexe Sachverhalte vereinfacht und segmentiert werden. So wird die Arbeitslosigkeit zu einem Problem der "Lohnnebenkosten". Andere Aspekte werden nicht erwähnt, oder in einem anderen Artikel, in einer anderen Zeitung. Verbunden mit dieser Segmentierung ist wiederum eine implizite Parteinahme - in diesem Fall für die Probleme der Arbeitgeber. Dies führt seinerseits zu einer bestimmten Sicht des Problems in der Öffentlichkeit: Die Ursache für die Arbeitslosigkeit ist die arbeitende Bevölkerung.

Die Vereinfachung von Problemen bis hinunter zur Grafik ist keine neue Tendenz, aber sie scheint zur vorherrschenden Form zu werden. In der Konsequenz werden Themen, die sich einer Vereinfachung widersetzen, nicht berücksichtigt. Dies ist vor allem bei langfristigen, wenig spektakulären Entwicklungen der Fall, wie beispielsweise der Klimaveränderung, die sich eben nicht auf die Formel "Weniger Ozon = Mehr Hautkrebs" vereinfachen läßt.

Mit der Segmentierung und der Vereinfachung einher geht der Zwang, Probleme und Phänomene an eine Person zu koppeln. So wurde bereits in den 60er Jahren Rudi Dutschke zu dem Studentenführer, der er eigentlich nie war. Die Presse erreichte mit dieser Personalisierung, daß alle Deutschen den verantwortlichen Drahtzieher der Studentenrevolte in Dutschke sahen. Dies führte schließlich zu dem - letztlich tödlichen - Attentat auf ihn. Es scheint psychologisch einfacher zu sein, mit bestimmten gesellschaftlichen, kulturellen oder politischen Phänomenen ein Gesicht zu verbinden, statt lediglich einen abstrakten Sachverhalt. Jedoch kann keine Person alle denkbaren Aspekte eines Phänomens in sich bergen. Trotzdem werden gerade Politiker wie Saddam Hussein als allein Verantwortliche für Krieg und Not dargestellt. Nun haben sicherlich Diktatoren eine gewisse Machtfülle, sie sind jedoch auch immer Ausdruck einer vorhandenen Grundhaltung der Bevölkerung einer Region. Ob diese Haltung politischer, kultureller oder gar religiöser Natur ist, können wir nicht wissen, da darüber nichts in der Zeitung steht. Problematisch wird dies besonders, wenn Politiker selbst auf die Presse hereinfallen und nicht mehr in der Lage sind, komplex zu denken. Dies war beispielsweise beim nächtlichen Raketenangriff auf Tripolis der Fall, bei dem Oberst Ghadafi, allein Verantwortlicher für den internationalen Terror, getötet und das Problem so beseitigt werden sollte.

Eine bestimmte journalistische Darstellungsform ist inzwischen folgerichtig fast völlig aus der Medienlandschaft verschwunden: der Hintergrundbericht. Er hat die ursprüngliche Funktion, Ereignisse in einen größeren Zusammenhang zu stellen und sie mit den für das Verständnis notwendigen Zusatzinformationen zu erläutern. Hintergrundberichte sind jedoch arbeits- und somit zeitintensiv. Ihre häufigste Erscheinungsform ist daher der sogenannte "Kasten", ein grafisch abgesetztes Element mit einigen Zusatzinformationen. In der Regel handelt es sich dabei jedoch nicht um Hintergrundinformationen sondern um pure Redundanz, wie "die Biographie des Regisseurs" oder "die Chronologie des Terrors". So wissen FOCUS-Leser beispielsweise, wann welcher Admiral in Colombo getötet wurde, aber sie erfahren nicht, daß es zwei verschiedene tamilische Volksgruppen auf der Insel gibt.

 

Zwang zum Bild

"Haben Sie Bilder?" ist die erste Frage, die der zuständige Redakteur einem Journalisten stellt,

der ihm eine Geschichte anbietet. Kaum ein Thema, das heute noch ohne Bild auskommt. Bilder sind sogar wesentlicher Bestandteil der Berichterstattung und werden daher auch deutlich besser als Worte.

"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte", so sagt man. Aber was sagt ein Bild eigentlich genau? Ein Bild ist in weit stärkerem Maße abhängig von der Interpretation durch den Betrachter als ein Wort, ganz zu schweigen von tausend Worten, die wesentlich exakter einen Gegenstand beschreiben und damit auch interpretieren können, als dies ein Bild tut. Warum also sind Bilder so wichtig? Sicherlich lockern sie einen Bericht auf; auch können sie ihn illustrieren und das Gesagte veranschaulichen und erlebbar machen.

Ihr eigentlicher Wert liegt aber in einem anderen Bereich. Um ein anderes Sprichwort anzuführen: "Seeing is believing", wie der anglophone Mensch weiß. Ein Bild erhöht wie kaum ein anderes Element den Wahrheitscharakter eines Berichts. Daher ist es für manche Printprodukte unabdingbar, Bilder abzudrucken, denn ihre Berichte nehmen es oft mit der Wahrheit nicht allzu genau.

 

Zwang zur Exklusivität

Selbst renommierte Zeitschriften sparen sich hier oft die Kosten für weite Reisen und kaufen statt dessen lieber Fotos exklusiv ein. So liest man beispielsweise ein Interview mit Robert Redford, das nie stattgefunden hat. Da aber Bilder vorhanden sind, die - da exklusiv - sonst nirgends abgedruckt wurden, kommen Zweifel an der Geschichte nicht auf. Voraussetzung ist natürlich, daß man Robert Redford keinen ausgemachten Blödsinn sagen läßt, sondern daß er "sein berühmtes Klein-Jungen-Lächeln lächelt, während er am Zaun seiner Farm in Utah lehnt". Da dies auch auf dem Foto zu sehen ist, muß das Interview also stattgefunden haben. Robert Redford wird sich gegen derlei positive Publicity kaum wehren.

Auch Caroline von Monaco hätte dies nicht getan, als die BUNTE ein frei erfundenes Interview mit ihr abdruckte. Peinlich war nur, daß die französische Presse sich ausgebootet fühlte, da ihr kein Interview gewährt wurde. Die so losgetretene Protestlawine führte dazu, daß die Fälschung entlarvt und die BUNTE zu einer Geldstrafe verdonnert wurde.

Interviews haben in der Regel einen Vorteil gegenüber anderen Darstellungsformen: Man kann sie meist nur einmal und nur in einem bestimmten Produkt finden. Wer dies dann nicht kauft, verpaßt seine Chance.

Dies gilt selbstverständlich auch für Exklusiv-Fotos. So konnte der Stern seine Auflage durch die Fotos aus dem Privatalbum von Dianas bester Freundin erhöhen. Begründet wurde dies im Editorial mit dem "sicherlich vorhandenen Interesse der Öffentlichkeit". Doch mit diesem Argument kann man auch Heroin an Drogensüchtige verkaufen.

Der Zwang zur Exklusivität schlägt sich im Fernsehen in einem anderen Phänomen nieder: dem Zwang zum Live-Bericht. Wo immer auf der Welt etwas geschieht, muß ein Mensch vor einer Satellitenantenne stehen und das ins Mikrofon sprechen, was er aus deutschen Agenturberichten weiß. Das kann er noch mit persönlichen Beobachtungen anreichern, etwa derart, daß er nicht von der irakischen Geheimpolizei am Berichten gehindert wird und in den Basaren von Bagdad und auch sonst alles ruhig ist. So wird der Live-Bericht zum Selbstzweck ohne eigenen Erkenntniswert, der allerdings Kompetenz, Aktualität und Wahrheit suggeriert.

 

Priorität der Sensation

Ein alter "Lehrsatz" für das journalistische Schreiben lautet: "Beginnen Sie mit einem Erdbeben, und steigern Sie es dann langsam." In Ermangelung einer hinreichenden Menge von Erdbeben wird allerdings auch schon einmal über weniger spektakuläre Ereignisse berichtet, als handle es sich dabei um Erdbeben. Dabei treibt die Berichterstattung bisweilen skurrile Blüten, wenn beispielsweise über das mysteriöse Verschwinden einer Katze eine zehnminütige Reportage gesendet wird.

Eine Sensation ist von der Bedeutung des Wortes her etwas, das die Sinne anspricht. Der Intellekt wird gemeinhin nicht zu den Sinnen gerechnet. Für den Sensationsjournalismus ist er mithin sinn-los. Katastrophen und andere Sensationen können unmittelbar konsumiert werden, ohne Hintergrundinformationen. Es versteht sich allerdings von selbst, daß eine Sensation ohne Bilder keine solche ist. Erdbeben im entlegenen Afghanistan sind daher nicht sehr sensationell, auch wenn Tausende dabei umkommen. In Assisi ist es wesentlich sensationeller, da die Stadt 24 Stunden am Tag von Videoamateuren gefilmt wird, die dabei auch den Einsturz von Kirchendächern dokumentieren.

Die bisher genannten Phänomene beziehen sich auf die Seite der Nachrichtenproduktion. Welche Konsequenzen haben diese Erscheinungen aber für Leser und Zuschauer?

 

Die Vermeidung von Wissen durch Information

Die erwähnte Segmentierung von Sachzusammenhängen zu kleinen, übersichtlichen Problemfeldern hat Konsequenzen für unsere Sicht von der Wirklichkeit. Einfache Probleme - und nur solche scheint es zu geben - können auch einfach gelöst werden. Dabei kann dem Leser hier kein Vorwurf gemacht werden, denn er lebt durchaus in dem Bewußtsein, er habe sich informiert. Und dies kann sogar in erheblichem Umfang der Fall sein. Denn die Informationen, die die Medien liefern, sind durchaus zahlreich und umfangreich. Die einzelne Nachricht jedoch ordnet sich nicht selbst in einen gedanklich-sachlichen Zusammenhang ein, so daß wir lediglich über eine Fülle von Informationen verfügen, die wir jedoch letztlich nicht in Bezug zueinander setzen oder zu einem komplexen Gefüge verweben.

Vielmehr vermeidet der Umfang der Information dies sogar, da kaum jemand den Überblick behalten kann, ohne ein umfangreiches Zeitungs- und Videoarchiv zu führen und auszuwerten.

So verstärkt sich eine alte Angewohnheit der Medienkonsumenten: Es werden nur solche Informationen aufgenommen, die das vorhandene Weltbild bestätigen, da für die Verarbeitung abweichender Informationen weder die Zeit noch die nötigen Begleitinformationen vorhanden sind. Die oberflächliche Berichterstattung führt so allmählich zu einem vereinfachten, monokausalen Weltbild bei allen Medienkonsumenten.

Dies ist eine Tendenz, die durchaus auch von verantwortungsbewußten Verlegern gesehen wird. So stellte ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff vor kurzem in einem ZDF-Interview sehr treffend fest, "daß man mit Häppchen-Journalismus sehr schnell eine halbe Million Auflage erzielen kann. Das sieht man ja an BILD und FOCUS". Ihr persönlich sei es "lieber zehntausend weniger Auflage, aber dafür die richtigen Leser" zu haben. Diese scheinbar vollkommene Ignoranz gegenüber der Konkurrenz, Quote, Auflage und anderen ökonomischen Widrigkeiten zeichnet des Blatt der Gräfin sicherlich aus. In der Tat scheiden sich an der ZEIT die journalistischen Geister. Von den einen als "Bollwerk" und "Flaggschiff des deutschen Journalismus" bewundert, ist sie für andere das "Fossil" einer Verlegerin, die - wie man hinter vorgehaltener Hand sagt - "an Altersstarrsinn leidet".

 

Auswege aus dem Dilemma

Im Grunde scheint die Situation ausweglos. Denn Verlegerinnen wie die Gräfin sind rar, vermutlich ist sie sogar eine solitäre Erscheinung in der Presselandschaft, die ihren Autoren ermöglicht, ohne Zeitdruck über das zu schreiben, was sie für wichtig halten. Denn der Zeitdruck ist ein wesentlicher Faktor, den es zu beseitigen gelte. Insofern sind die hier aufgezählten Vorbedingungen vermutlich zart utopisch.

Die Erarbeitung von Nachrichten sollte langsamer und damit gründlicher sein. Und das gilt für ihre Produktion genauso wie für ihren Konsum. Zeit zum Lesen und Nachdenken wird dringender denn je benötigt, da sonst nur noch Headlines gelesen und in Headlines gedacht wird.

Die Inhalte sollten wichtiger sein. Denn wenn man auf Berichte über entlaufene Katzen verzichtet und sich stattdessen auf die wesentlichen Probleme konzentriert, gewinnt man nicht nur Zeit. Man verhindert auch die intellektuelle Desorientierung der Leser und Zuschauer. Hier sind natürlich, wie bereits eingangs erwähnt, nicht allein die Produzenten gefordert, sondern vor allem die Konsumenten, wie etwa die Zuschauer der Fernsehsendung Die Redaktion, die sich vornehmlich auf den Hinterhöfen des Boulevardjournalismus herumtreibt.

Die Journalisten sollten vor allem unabhängiger sein, und dies ist wohl die utopischste aller Forderungen. Denn sie müssen unabhängig von jedem ökonomischen Druck durch Quote, Auflage oder Page-Views arbeiten können. Unabhängig insofern auch vom antizipierten Publikumsgeschmack und -interesse.

Letztlich bleibt also erneut der Zuschauer und Leser gefordert, sein Konsumverhalten verantwortungsbewußt zu gestalten. Dies bedeutet nicht allein, auf bestimmte Produkte zu verzichten. Die Möglichkeiten der direkten Reaktion sollten nicht unterschätzt werden. Leserbriefe und -anrufe werden in Redaktionen wider Erwarten sehr ernst genommen. Aber das bedeutet Arbeit für den Leser. Und es ist sicherlich bequemer, über die Zustände zu jammern, als sie zu ändern.

 


Mai 1998 - ZMMnewsONLINE -
Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg