07.044
MA (c) Gebärdensprachgemeinschaften / Seminar Ib
Dipl. (e) Geschichte, Kultur, Soziologie... / Seminar Ib
Ulrike Bergermann
Gebärden und Film
Institut für Deutsche Gebärdensprache (Binderstr. 34), Raum 3
4std., Fr 13-17
Zum Seminarthema:
Film und Video scheinen "natürliche" Medien für
die Darstellung vom Gehörlosen zu sein, denn sie sind nicht nur visuelle
Medien, sondern können auch zum ersten Mal in der Geschichte der Medien
Bewegung abbilden. Damit sind sie ideal für die unmittelbare Wiedergabe
von Gebärden, Mimik usw. Daß diese Unmittelbarkeit so unmittelbar
gar nicht ist und daß es "natürliche Medien" nicht
gibt, sondern daß jede Darstellungsart ihre Bilder konstruiert und
diese Konstruktion analysiert werden kann, ist die Ausgangsthese des Seminars,
unter der eine Reihe verschiedener Filme betrachtet werden sollen.
Wir können also in diesen Filmen nicht untersuchen, wie Gehörlose
"wirklich sind": erstens sind sie nicht von Gehörlosen für
Gehörlose gemacht worden, zeigen also nur Vorstellungen von Hörenden,
und zweitens hat ja jeder Film seine "eigene Wirklichkeit" und
ist nicht gleich Realität... trotzdem bilden diese Filme einen Teil
vom Rand der Gehörlosenkultur ab: den Kamerablick auf sie.
Kino- und Fernsehfilme sind nicht nur geeignete Medien, um Gebärdensprache
aufzuzeichnen und zu dokumentieren, sondern sie haben als Massenmedien besondere
gesellschaftliche Bedeutung. Wie John S. Schuchman in "Hollywood Speaks"
schreibt, haben Filme ebenso Einfluß auf das öffentliche Bild
wie auf die Selbstwahrnehmung von Gehörlosen. Schuchman hat im frühen
Stummfilm und weiter bis zu Filmen der 80er Jahre Gehörlose gesucht,
ihre Rollen und Arbeitsbedingungen beschrieben und die mehr oder weniger
versteckt funktionierenden Klischees dieser Rollenverteilungen analysiert.
Ablauf:
An Schuchmans Texte anknüpfend werden im Seminar Filme seit Mitte
der 80er Jahre untersucht. In welchen Konstellationen kommen Gehörlose
überhaupt vor? Sind sie nur als Opfer, als "lautloses Spannungsmoment"
einsetzbar ­p; oder wird eine eigene soziale Realität mit eigener
Kultur dargestellt? Am Schluß des Seminars soll der Versuch stehen,
über die Frage nach der Abbildung von Lebenswirklichkeit hinaus anhand
filmtheoretischer Texte aus der Stummfilmzeit mediale Analogien von Film
und Gebärdensprache zu untersuchen ­p; nicht nur, weil der Film
früher "stumm" war und die mimischen Ausdrucksmittel der
Schauspieler als "Gebärdensprache" bezeichnet wurden, sondern
auch, um die Beziehung von Gebärdensprache und visuellen Medien zu
untersuchen.
Die erste Seminarhälfte wird in der Regel für das Sichten eines
Films (als Videokopie) nötig sein, nach einer Pause wird die zweite
Hälfte aus Besprechung, Textarbeit und Referaten bestehen. Referate
sind möglich über einzelne Filme (die in Videokopie bereitgestellt
werden), über filmtheoretische Texte oder über Themen, die sich
in verschiedenen Filmen wiederfinden.
· Schwerpunktthemen:
* Übersetzungstechniken zwischen Laut- und Gebärdensprache
("Bevormundung"?),
* Gehörlosigkeit und/oder Stummheit als Thriller-Element ­p; Gehörlose
und/oder Stumme (Frauen) als Opfer,
* Kann Gebärdensprache lügen??,
* Gebärden als Ur-Sprache,
* Musik als Zeichen für eine andere Welt,
* Behindertenklischees und Familienprobleme,
* Theater im Film,
* Gebärdensprache bringt Frieden in die Galaxis (Star Trek)...
· Am Ende des Semesters wird voraussichtlich Caroline Link mit uns
über ihren Film "Jenseits der Stille" diskutieren!
Teilnahmevoraussetzung oder -beschränkung:
keine
Scheinvergabe:
Regelmäßige Teilnahme, Einzel- oder Gruppenreferat, schriftliche
Ausarbeitung
Evtl. Empfehlung von vorbereitender Lektüre:
­p; John S. Schuchman, Hollywood Speaks: Deafness and the Film Entertainment
Industry, Illinois Press/Urbana, Chicago 1988 (vor allem das Schlußkapitel,
s. auch in: Susan Gregory, Gillian M. Hartley (Hg.): Constructing Deafness,
London 1991, S. 301-306)
­p; John S. Schuchman, Silent Movies and the Deaf Community, in: Journal
of Popular Culture, 17:4, 1984, S. 59-78 (in der Bibliothek unter P:A)
In den September- und Dezemberausgaben des ZEICHENS werden beide Texte (Schlußkapitel
und "Silent Movies...") auf deutsch erscheinen.
­p; Zur Einführung ins Thema "Film" empfehlenswert: James
Monaco, Film verstehen, Neuausgabe Reinbek 1995 (rororo-Taschenbuch, 656
Seiten für 29 DM).