• 07.029
    Gehörlosengemeinschaft
    Seminar II
    3std.
    Renate Fischer

    "Aus den Taubstummen Menschen machen" - Zur Geschichte der Wechselwirkung von Sprachauffassung und Menschenbild

    Zentrum für Deutsche Gebärdensprache (Binderstr. 34), Bi 204
    Mo 13-16


    Der Titel dieses Seminars, "Aus den Taubstummen Menschen machen", greift einen Ausspruch von Abbé Sicard auf, dem Nachfolger von Abbé de l`Epée als Leiter der Pariser Gehörlosenschule. In ähnlicher Form wurde derartiges im Laufe des 19. Jahrhunderts in Europa oft genug wiederholt. Immer ging es dabei um die Rolle der Sprache bei dieser "Erschaffung" von Menschen.
    Es wird im Seminar anhand von historischen Texten zu prüfen sein, ob dieser Leistungsanspruch gleichermaßen erhoben wurde, wenn Gebärdensprache und wenn Lautsprache zum Einsatz kam - oder ob das Mensch-Sein ausschließlich über das Vorhandensein von Lautsprache definiert wurde.
    Wenn (Laut-)Sprache als menschliches Charakteristikum ausgegeben wird, so geschieht dies immer wieder in Abgrenzung zum "Tier". In vielen Quellen wird der "ungebildete Taubstumme" mit einem Tier verglichen, bekannt ist auch die Einstufung von Gebärdensprache als "Affensprache". Hier zeigt sich eine weitere Dimension des abendländischen Menschenbildes: Wir treffen auf Wertungen, d.h. im allgemeinen auf die Abwertung aller Lebewesen, an denen man keine "Lautsprache", oft auch kurz und knapp "Sprache", feststellen zu können meint. Das 20. Jahrhundert hat zur Klärung dieser weiterhin "brennenden" Frage viele Tierversuche (berühmt sind die Gebärden-Versuche an Washoe, der Schimpansin) aufgeboten. (In Frankreich entsteht übrigens gerade ein Spielfim dazu mit Emmanuelle Laborit.)

    Ziel dieses Seminars ist es, die Idee, "aus Taubstummen Menschen zu machen", durch historische Quellen insbesondere des 18. und des 19. Jahrhunderts zu verfolgen. Ein Teil des Seminars wird sich der Weiterverfolgung der Idee in die Sprach-Tierversuche des 20. Jahrhunderts hinein widmen. Teilnehmende sollten Interesse haben für die Auseinandersetzung mit historischen Texten und für sprachphilosophische und ethische Fragestellungen.

    Teilnahmevoraussetzung ist das abgeschlossene Grundstudium im Fach Gebärdensprachen. Die erfolgreiche Teilnahme wird bescheinigt für folgende Leistung:
    Regelmäßige aktive Teilnahme am Seminar und Erstellung einer schriftlichen Hausarbeit zu einem Teilthema des Seminars.