07.085

MA (b) Kulturwissenschaft/ Seminar 1b
Dipl.(e) Kulturwissenschaft/ Seminar 1b

Tomas Vollhaber

Gebärden im Stummfilm

Institut für Deutsche Gebärdensprache (Rothenbaumchaussee 45, Weisser Saal )
2std., Do 14-16

Der Stummfilm lebt. Und es scheint, er lebt umso lebendiger, als sich die Hersteller neuzeitlicher Leinwandschinken im Wettbewerb aller nur erdenklichen Tricks digitaler Algorithmen zu übertreffen versuchen. Er lebt in einer kleinen Nische und führt dort sein renitentes Dasein gegen die Langeweile und Selbstgefälligkeit seiner mächtigen Brüder, die ihren Ursprung aus ihm haben. Gewiss, einen Stummfilm schaut man sich nicht an, um sich in der Welt animierter Bilder zu verlieren, denn die Tricks des Stummfilms durchschaut jeder. Darin liegt sein Charme und seine politische Botschaft: Er ist ein Kunstwerk und in der Differenz, die er zwischen sich und seinem Publikum schafft, stellt er einen Raum zur Verfügung, der offen für eigene Entscheidungen ist – einen Frei-Raum, den es im zeitgenössischen Spielfilm nicht gibt.

Diesen Freiraum nutzten Jörg Fockele, als er seinen preisgekrönten Stummfilm „Alice und der Aurifaktor“ (1995) mit hörenden und gehörlosen Schauspielern drehte, oder die Schüler der Gehörlosenschule von Freiburg-Stegen, die mit ihrem Lehrer zusammen „Eine Hommage an Charlie Chaplin“ (2002) produzierten. Eins wird dabei schon jetzt deutlich: Gehörlose haben ein gewaltiges „Wörtchen“ mitzureden, wenn es darum geht, einen Stummfilm herzustellen. Das wusste auch Charlie Chaplin, von dem die Gehörlosengemeinschaft anfänglich vermutete, er sei einer von ihnen. Nach Klärung dieses Irrtums wurden seine Gebärden – wie die anderer Stummfilmmimen – von der Gehörlosengemeinschaft mit kritischem Blick begutachtet und Chaplin selbst nahm bei einem Gehörlosen Unterricht (vgl. Schuchman 1997, 355).

Dennoch machte auch Chaplin deutlich, dass seine ausdrucksstarke Körpersprache nicht aus dem Kontakt mit Gehörlosen resultierte (a.a.O., 508). Vielmehr trifft das auf ihn zu, was für viele bekannte Persönlichkeiten aus dem Kultur-, Wissenschaft- und Politikbetrieb gilt: Er war der richtige Mann am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt, denn der Stummfilm war keineswegs nur eine technische Errungenschaft des frühen 20. Jh.s, sondern auch Antwort auf eine Krise, die das ausgehenden 19. Jh.s prägte und alle kulturellen Bereiche berühte. Als Krise der Sprache ist sie u.a. mit den Namen Nietzsche, Hofmannsthal und Mauthner verbunden. Gemeinsam ist ihnen ein tiefes Misstrauen gegenüber den Formen herkömmlicher Sprache, verbunden mit dem Wunsch, in einer anderen Sprache Dinge zum Ausdruck zu bringen, die sich laut- bzw. schriftsprachlich nicht mehr ausdrücken lassen: Diese Sprache fand ihren Ausdruck im Stummfilm.

Das Seminar wird sich mit dieser Sprachkrise beschäftigen, deren Wesenszug darin besteht, Fragen aufgeworfen zu haben, deren Beantwortung uns genauso obliegt wie der Generation unserer Eltern, Groß- und Urgroßeltern, und die uns auf vertrakte Weise in der Frage wiederbegegnet: Weshalb lernen wir Gebärdensprache? Das hat mit Gehörlosigkeit unmittelbar nichts zu tun. Dennoch ist es kein Wunder, dass gerade in einem Institut, das sich mit der Gebärdensprache Gehörloser beschäftigt, das Augenmerk auf nonverbale Sprachen und damit eben auch auf die Gebärden des Stummfilms ruhen.

Am Beispiel eines oder mehrer Stummfilmproduktionen werden wir uns eingehend mit der Art des Gebärdens auseinandersetzen, dessen sich der Film und seine Darsteller bedienen.

Zu Beginn des Seminar wird ein Reader verteilt mit allen für den Seminarablauf wesentlich Texten.
Zu erwerben ist folgendes Buch: Béla Balázs (2001): Der sichtbare Mensch. (EA1924) Frankfurt. (Suhrkamp Wissenschaft 1536; € 10,-)

Scheinvorraussetzungen sind: (a) regemäßige Teilnahme, (b) mündlich gehaltenes Referat, (c) schriftliche Hausarbeit.