07.087MA (b) Kulturwissenschaft / Seminar II
Dipl.(c+e) Translationswissenschaft und Kulturwissenschaft / Seminar II
Tomas Vollhaber
Aufführungs- und Übersetzungskritik von Derek Jarmans Film "blue"
Institut für Deutsche Gebärdensprache (Rothenbaumchaussee 45, Weisser Saal)
2std., Do 10-12 Vorbesprechung: Montag, 14. Juli, 14 Uhr, Fachschaftsraum Ro 45
Zum Seminarinhalt:
Am 8. Juli 2000 zeigte das Metropolis in der Hamburger Dammtorstraße Derek Jarmans Film Blue. Für ein Lichtspielhaus ein selbstverständlicher Vorgang, doch die Abendvorstellung an diesem Tag war etwas besonderes. Im ausverkauften Kino tummelte sich eine bunte Menge hörender und gehörloser Besucher und nach der Vorstellung die Gesellschaft für Gebärdensprache hatte die Gäste zu einem Sommerfest geladen nahmen die Diskussionen kein Ende: Was haben wir da eben gesehen?, Kann man so mit einem Kunstwerk umgehen?, Ich habe überhaupt nicht verstanden, worum es ging!, Noch nie habe ich so schöne Gebärdenpoesie gesehen!, Waren Derek Jarman und Christian Müller befreundet? Das Besondere: Jarmans visuell gegenstandsloser Film taucht die Leinwand 75 Minuten lang in ein monochromes Blau. Die dem Film hinterlegten, teilweise tagebuchartigen, teilweise poetischen Texte, die aus dem Off gesprochen werden, aber auch akustische Elemente des Films, war von Mitgliedern des Visuellen Theaters Hamburg und Studenten des IDGS in verschiedene Gebärdenformen übersetzt und vor der Leinwand gezeigt worden.
Anlass für die Inszenierung war die Frage, ob es möglich ist, Gehörlosen, denen der Film in der von Jarman vorgestellten Weise unzugänglich ist, erfahrbar zu machen. Gleichzeitig sollte diese Inszenierug auch für die Hörenden ein Erlebnis werden, das ihnen diesen Film neu zeigt. Dabei war darauf zu achten, dass Jarmans Konzept der Gegenstands- und Bildlosigkeit durch unser Konzept nicht beschädigt oder zerstört wird. Die Aufgabe bestand also darin, ein Kunstwerk im Kunstwerk zu gestalten.
Damit waren zwei Themen- und Aufgabenbereiche angesprochen, die in unserem Institut von zentraler Bedeutung sind, der Bereich Gebärdensprache und Gebärdensprachpoesie und der Bereich Übersetzung. Wie stellt sich ein gebärdensprachpoetischer Text dar? Was ist Gebärdenpoesie? Wie verändern sich Gebärden in Poesie? Wie stellt sich Gebärdenpoesie dem Anspruch nach Verstehbarkeit? Wie verändert sich ein poetischer Text, der schriftlich fixiert ist, wenn er in Gebärdensprache übersetzt wird?
Das Thema des Films ist der Tod an AIDS. Während die Tagebucheinträge Jarmans eigenes Siechtum und Sterben sowie das seiner Freunde beschreibt, spiegeln sich in den poetischen Texten Hoffnung und Sehnsucht, Angst und Verzweiflung. Im gebärdensprachlichen Teil hat der Film in unserer Inszenierung eine Modifikation erfahren: einer der Schauspieler erzählt die Geschichte vom Sterben Christian Müllers, der in Berlin gelebt hat und gehörlos und schwul war.
Ob und wie uns die Inszenierung gelungen ist, soll Gegenstand dieses Seminars sein. Auf der Grundlage einer Videoaufzeichnung werden wir uns die einzelnen Teile der Aufführung genau ansehen und miteinander diskutieren. Das Filmskript sowie einige theoretische Texte werden in einem Reader zusammengestellt.
Anzuschaffen ist das Reclam-Bändchen: Walter Benjamin, Sprache und Geschichte. UB 8775.
Scheinvorraussetzungen sind: (a) regemäßige Teilnahme, (b) mündlich gehaltenes Referat, (c) schriftliche Hausarbeit.