Tomas Vollhaber
Institut für Deutsche Gebärdensprache (Rothenbaumchaussee
45, Weißer Saal)
2std., Do 15-17 (Sichttermin: jed. Di 16-18)
Dieses Seminar ist Teil einer langfristig angelegten Reihe von Veranstaltungen, die in unregelmäßigen Abständen mit unterschiedlichen Schwerpunkten im Grundstudium angeboten werden und dazu dienen sollen, unser Auge zu schulen. Der gebärdensprachlich dargebotene Text setzt eine andere „Lese“-Haltung voraus als der schriftsprachliche: ein ruhiges Auge, das nicht in erster Linie die Kohärenz eines Textes konstruiert, sondern in den Bruchstücken der flüchtigen Bilder, die sich vor dem Auge entfalten, Sinnfragmente zu erkennen versucht ? und an uns den Anspruch stellt, das Bruchstückhafte zu ertragen. Ein schwieriges Unterfangen, dessen Mühsal jedoch am Ende Belohnung verspricht: etwas Neues von sich in dieser Welt der Gebärden erfahren zu haben, das die Beziehung zu dieser Welt in ein anderes Licht wirft.
In diesem Semester soll es um Tanz gehen, einer Kunst, die den Körper in den Mittelpunkt stellt, und die v.a. in den Formen, die sie im 20. Jahrhundert entwickelt hat, etwas anrüchiges, ja obszönes ausstrahlt, ähnlich wie man es der Gebärdesprache viele Jahre vorgeworfen hat. Die Lust am Körper einerseits, die Angst vor Übertretung andererseits ist die schwierige Balance, in der sich die Tänzer zu halten haben. Das klassische Ballett, das bürgerliche Tanzvergnügen, der Ball waren von dieser Balance genauso bedroht, wie der Volkstanz. Das 20 Jahrhundert hat diesen bedrohten, verachteten, geschundenen und in die Abgründe des Unbewussten verdrängten Leib als tanzenden Körper auf die Bühne gestellt und ihn seine Geschichte erzählen lassen: in Gebärden.
Wir werden uns diese Geschichten an einigen ausgewählten Beispielen näher anschauen und versuchen, sie zu lesen. Wir werden uns auch damit beschäftigen, wie eine erzählte Geschichte zu Tanz wird, was sich dabei mit ihr ereignet, welche Teile dieser Geschichte dabei verloren gehen und welche Perspektiven neu gewonnen werden. Dabei werden wir unterschiedliche Konzepte kennenlernen, die unter keinen gemeinsamen Nenner passen.
Und Gehörlose?
Auch hier, wie in allen anderen Bereichen, reflektiert sich die Geschichte ihrer Unterdrückung. Emmanuelle Laborit schreibt in ihrer Autobiographie von ihrer Liebe zur Musik und zum Tanz. Ist sie die erste Gehörlose, die Tanz und Musik liebt? Sicher nicht. Wir wissen nichts und stehen ganz am Anfang. Aber hin und wieder gibt es kleine Hinweise poetischer Seelen, wie Olga, die taubstumme Tänzerin, in Helmut Herbst’ „Serpentintänzerin“, dessen Film auf Loie Fuller rekurriert, die in ihrem Tanz auf das Erzählen einer Geschichte verzichtet und sich selbst als schimmerndes Phantom zur Gebärde inszeniert.
Eingeladen zu diesem Seminar sind Studierende, die lernwillig sind und an vorgefertigten Antworten keine Freude haben. Das Seminar wird am Donnerstag stattfinden, der Termin am Dienstag dient dazu, das in der jeweils folgenden Donnerstagssitzung als Grundlage behandelte Filmmaterial zu sichten.
Scheinvoraussetzungen sind: (a) regemäßige Teilnahme, (b) mündlich gehaltenes (Gruppen-)Referat, (c) schriftliche Hausarbeit.
Literaturgrundlagen: In der ersten Sitzung wird ein Seminarreader ausgeteilt, in dem sich alle wichtigen Texte befinden.