Tomas Vollhaber
BA GS-A2 Aufbaumodul:Gebärdeter Diskurs/ Seminar Ib
Magister (a) Gebärdensprachlinguistik + Kulturwiss./ Seminar Ib
Dipl. (e) Kulturwissenschaft / Seminar Ib
Performativität poetischer Formen in Gebärdensprache
2 std.
Ort Rothenbaumchaussee 45, Weißer Saal
Zeit Do 10-12
BA-Leistungspunkte 4
Zum Seminarthema:
Besucht man zeitgenössisches Theater in Gebärdensprache oder eine Veranstaltung, bei der Gebärdensprach-poesie gezeigt wird, ist man häufig mit einem Dilemma konfrontiert, das den interessierten Teilnehmer i.d.R. nachhaltig beschäftigt: Selbst wenn man den Eindruck hat, irgendwie dem Inhalt gefolgt zu sein, bleibt doch das quälende Gefühl, vieles nicht mitbekommen zu haben und schnell verfällt man in vertraute Muster: Verunsicherung, Selbstzweifel, Scham und der Versuch, sich für einen weiteren Gebärdenkurs anzumelden. Sicherlich kann es nichts schaden, Gebärdenkurse zu besuchen, doch das Gefühl, vieles nicht mitbekommen zu haben, muss nicht unbedingt auf mangelnde Gebärdensprachkenntnisse verweisen als vielmehr auf etwas, das unmittelbar mit Sprache im allgemeinen und vor allem mit Gebärdensprache zu tun: auf ihren performativen Charakter.
Was heißt es, wenn man vom performativen Charakter der Sprache spricht? In seinen sprachphilosophischen Vorlesungen, die unter dem Titel How to do things with Words (1962) berühmt wurden, konstruiert John L. Austin den Gegensatz von einerseits konstativen Beschreibungen von Zuständen, die entweder wahr oder falsch sind, und andererseits von performativen Äußerungen, die durch den Akt des Äußerns Zustände in der sozialen Welt verändern, die also nicht beschreiben, sondern soziale Tatsachen schaffen. D.h. Sprache ist nur zu einem Teil Instrument und Medium für Mitteilungen, Worte können gleichzeitig auch Taten sein und die Welt verändern: in rituellen Zusammenhängen (Eheschließung, Taufe von Menschen oder auch Gebrauchsgütern, bspw. einem Schiff, Wetten), in einer fristlosen Kündigung oder einer verletzenden Äußerung. Die Erkenntnis von Austin besteht in seiner Unterscheidung von performativen und konstatierenden Äußerungen. Die vertraute Trennung zwischen Wort und Sache oder Darstellung und Dargestelltem ist dabei außer Kraft gesetzt.
Übertragen auf die eingangs erwähnte Gebärdensprachvorstellung deutet sich an, dass es neben der semanti-schen Bedeutung von Sprache weitere sprachimmanente Phänomene gibt, die sich nicht ohne weiteres er-schließen lassen. Die Kulturwissenschaft hat durch diese Erkenntnis einen ungeheuren Schub erfahren. Es gibt Stimmen, die vom performative turn in Anlehnung an den linguistic bzw. pictorial turn sprechen, der im wesentlichen besagt, dass neben dem intellektualistischen Sprachbild ein nicht-intellektualistisches Sprachbild existiert. Das intellektualistische Sprachbild geht davon aus, dass es eine ideale bzw. reine Sprache gibt, verstanden als grammatisches oder pragmatisches Regelsystem, das sich im Sprechen und Kommunizieren realisiert, gegenüber einer Vorstellung (dem nicht-intellektualistischen Sprachbild), deren Vertreter im Sprechen nicht nur die Anwendung, Aktualisierung bzw. Realisierung von Sprache sehen, sondern eine Überschreitung dessen erkennen, was angewandt, aktualisiert bzw. realisiert wird. In Austins Handlungstheorie ist nicht die Intention, sondern die Ausführung relevant, und diese Ausführung kann misslingen.
Das mag auf den ersten Blick sehr theoretisch erscheinen, wird jedoch im Seminarverlauf durchaus lustvoll an konkreten Beispielen aus der Gebärdensprachpoesie lebendig und ganz im Sinne des Performanzmodells erprobt werden. M.a.W. die Seminarinteressierten müssen sich auf komplizierte, theoretische Texte einstellen, die wir miteinander erarbeiten und diskutieren, deren Ergebnisse dann die Grundlage für eine produktive Diskussion am Bsp. ausgewählter Gebärdenpräsentationen sein werden.
Des weiteren wird sich das Seminar mit einer sehr kleinen literarischen Form beschäftigen, die sich durch ihre Bildprägnanz auszeichnet, dem Haiku. Hier deutet sich der für die gebärdensprachtheoretische Auseinan-dersetzung wichtige Zusammenhang von Performativität und Bildhaftigkeit an, dem wir im Projektseminar (07.045) weiter nachspüren werden.
Zu Beginn des Seminars wird ein Reader verteilt mit allen für den Seminarablauf wesentlichen Texten.
Zu erwerben ist folgendes Buch: Jan Ulenbrook: Haiku. Stuttgart: Reclam (€ 6,-)
Scheinvoraussetzungen sind: (a) regelmäßige Teilnahme, (b) mündlich gehaltenes Referat, (c) schriftliche Hausarbeit.