Martje Hansen
BA GS-A1 Aufbaumodul: Sprachsystem u. Sprachverwendung (1.Teil)/ Seminar Ib
Magister (a) Gebärdensprachlinguistik + Kulturwiss./ Seminar Ib
Dipl. (f) Gebärdensprachlinguistik/ Seminar Ib
Ansätze zur Beschreibung gebärdensprachlicher Strukturen
2 std.
Ort Rothenbaumchaussee 45, Weißer Saal
Zeit Fr 12-14
BA-Leistungspunkte 3
Zum Seminarthema:
In diesem Seminar sollen verschiedene Aspekte, die für die Beschreibung der Gebärdensprachen besonders wichtig sind, durch entsprechende Lektüre thematisiert und anhand konkreter Sprachdaten bearbeitet werden.
Ein erster wichtiger Aspekt ist der Einfluss von Medialität auf die Sprachstrukturen in Gebärden- und Laut-sprachen: Wie unterscheiden sich visuell-gestische von auditiv-oralen Sprachen in der Erfassung und Prä-sentation von Bedeutung? Hier werden wir auch neuere Erkenntnisse der kognitiven Linguistik diskutieren.
Zweitens erleben wir Gebärdensprachen zumeist in Face-to-face-Kommunikationen, da es noch keine all-tagstaugliche Schrift gibt. Dies führt zu einer relativ größeren Bedeutung des Kontextes und stellt die Ge-sprächspartner vor andere Herausforderungen als die schriftliche Kommunikation. In der Lautsprachenlingu-istik wird dieser Unterschied mit dem Begriffspaar Nähesprache Distanzsprache bezeichnet. Die damit verbundenen Phänomene und Erkenntnisse werden wir in Bezug auf die DGS diskutieren.
Drittens weisen visuell-gestische Sprachen simultane und ikonische Elemente auf, die mit den Mitteln der konventionellen, an Lautsprachen entwickelten, Sprachbeschreibung nicht erfasst werden können. Auf der lexikalischen Ebene müssen Gebärden identifiziert und ihre konventionelle von produktiven Verwendungen unterschieden werden. Welche Funktion hat hier das Mundbild und wie können eventuell auftretende ikonische Elemente, die zudem oft im Rahmen einer constructed action auftreten, bestimmt und klassifiziert werden? Wo verläuft hier die Trennlinie zwischen Lexikon und Grammatik? In diesem Zusammenhang werden wir auch das Problem der Abgrenzung von Gestik und Gebärden in Gebärdensprachen und ansatzweise die Integration von Gestik und Sprache im kommunikativen Kontext von Lautsprachen diskutieren.
Als Datengrundlage werden uns vor allem ein Transkript aus Gehörlos so! (Heßmann 2001) und ein Mit-schnitt einer öffentlich vorgetragenen Version eines Gehörlosenwitzes dienen. Das Folgeseminar im Som-mersemester 2007 wird mit einer Einführung in Transkriptionstechniken und die Verwendung geeigneter Tools stärker praktisch ausgerichtet sein. Im Vordergrund werden vor allem Fragen der lexikalischen Struktur von Gebärdensprachen stehen.
Seminarlektüre (u.a.):
Dotter, Franz . 1999.Sign Language between gestures (nonverbal behavior) and spoken language?, in: Haspelmath, Martin/Burkhardt, Armin/ Ungeheuer, Gerold/Wiegand, Herbert, Ernst/ Steger, Hugo/ Brinker, Klaus (Hgg.). Sprachtypologie und sprachliche Universalien. Ein internationals Handbuch zeitgenössischer Forschung. (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 20.1), Berlin/New York: de Gruyter, S. 3-21.
Grote, Klaudia, 2004. Mediale Relativität? Auswirkungen der gestisch-visuellen und vokal-auditiven Sprachmodalität auf semantische Strukturen, , in: Jäger, Ludwig/ Linz, Erika (Hgg.). Medialität und Mentalität. Theoretische und empirische Studien zum Verhältnis von Sprache, Subjektivität und Kognition. München: Wilhelm Fink Verlag, S. 193-220.
Heßmann, Jens, 2001. Gehörlos so!: Materialien zur Gebärdensprache. Hamburg: Signum Verlag (Internationale Arbeiten zur Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Bd. 32)
Koch, Peter/Oesterreicher, Wulf, 1994. Schriftlichkeit und Sprache, in: Günther, Hartmut/Ludwig, Otto (Hgg.). Schrift und Schriftlichkeit: Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 10.1), Berlin/New York: de Gruyter, S. 587-604.
Kühn, Christine, 2005. Von Gestik, Sprache und halben Wahrheiten. Zur Notwendigkeit einer integrativen Perspektive auf sprachliche und visuell-körperliche Kommunikation im Verstehensprozess, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 70, S. 93-115.
Okrent, Arika, 2002. A modality-free notion of gesture and how it can help us with the morpheme vs. gesture question in sign language linguistics (or at least give us some criteria to work with), in: Meier, Richard P. / Cormier, Kearsy / Quinto-Pozos, David (eds). Modality and structure in signed and spoken language. Cambridge [u.a.]: Cambridge Univ. Press, S. 175-198
Hinweis für BA-Studierende: Die Modulprüfung findet im Rahmen des zweiten Teils im Sommersemester 2007 statt.