07.084

MA (b) Kulturwissenschaft / Seminar II
Dipl. (e) Kulturwissenschaft / Seminar II

Tomas Vollhaber

Theaterprojekt. Gebärdensprachtheater
(der gleichzeitige Besuch der LV 07.097 wird empfohlen)




Zum Seminarthema:
Dieses Seminar basiert auf den Erfahrungen, die im Sommersemster 2005 („Dramatisierung von Gebärdensprache“) mit zeitgenössischen Gebärdensprachtheater-Produktionen gemacht worden sind. So unterschiedlich die Konzepte und Spielweisen der vorgestellten Theatergruppen auch waren, so einte sie doch alle der Anspruch, dass die Gebärdensprache und ihre artifiziellen Möglichkeiten im Mittelpunkt der Produktionen zu stehen haben und nicht, wie früher, der Wunsch, Gehörlosen Bildungsgüter (klassisches Drama, Komödien, Kriminalstücke) zugänglich zu machen, die ihnen bis dahin weitgehend vorenthalten blieben. Wenn bspw. das International Visual Theatre (Paris) die „Antigone“ des Sophokles vor einem deutschen gehörlosen und hörenden Publikum zeigte, dann ging man von Seiten des IVT weder davon aus, dass hier etwas „verstanden“ wird (selbst den LSF-Kundigen blieben die verfremdeten Gebärden ein Rätsel), noch dass das Publikum vor der Vorstellung den Text gelesen und sich mit der vielschichtigen Antigone-Rezeption auseinandergesetzt hat; das Publikum sollte gerade nicht Verstehen, sondern Sehen.
Was heißt das?
Beim Erlernen einer Fremdsprache geht es prima vista darum, sie aktiv und passiv zu beherrschen. Daraufhin werden wir in der Schule konditioniert. Ein französisches dictée ist nicht zu schreiben, wenn man den Inhalt nicht versteht, und eine englische conversation ist nicht zu führen, ohne die grundlegenden idiomatic expressions zu kennen; dennoch erfreuen wir uns an Liedern in Sprachen, die wir nicht verstehen und lauschen nachts am Radio, wenn aus einer fernen Ecke dieser Welt Nachrichten gesendet werden. Wir verstehen nicht – wir hören. Was erfreut uns? Die meisten von uns hatten wenig Ahnung von Gebärdensprache, bevor sie anfingen, dieses Fach zu studieren: jedoch, fasziniert waren alle von ihr: wir haben nichts verstanden – wir haben gesehen. Was haben wir gesehen? Was hat uns fasziniert? Gibt es ein Ahnen jenseits des Verstehens, Metonymie der Bilder, ein déjà vu? Von Orpheus wissen wir, dass ein déjà vu ein Fehler in der Matrix ist. Entlässt uns eine Fremdsprache aus einem Gefängnis gerade dann, wenn wir sie nicht verstehen – weil wir durch sie auf etwas anderes kommen? Ist das jener Deaf Space, von dem Jim Cohn schreibt? Nicht Zugang zu einer fremden Kultur, keine vertrauten Wege, nicht das Vereinnahmen von Fremdem, sondern selbst fremd werden, Erfahrungen der Ungewissheit. Wie es jedoch darin aushalten ohne kaputt zu gehen? Tasten, schmecken, riechen, hören, sehen – mit allergrößter Aufmerksamkeit.
Ich stelle mir unser Theaterprojekt als etwas vor, bei dem jede das einbringt, was sie besonders gerne macht oder besonders gerne mal machen würde: gebärden, sprechen, singen, tanzen.
Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses KVVs ist noch kein konkretes Projekt in Planung, jedoch wird es sich bei der geplanten Produktion ganz gewiss um kein traditionelles Theaterstück handeln. Zudem unterscheiden sich die Ausgangsvoraussetzungen grundlegend von jenen, die bisher für Gehörlosen- bzw. Gebärdensprachtheater gültig waren: es ist ungewiss, ob sich Gehörlose an der Produktion beteiligen, und falls ja, werden sie sicherlich in der Minderheit sein. Wir erleben in diesem „Mikrokosmos“ eine Situation, die uns aus dem Seminaralltag vertraut ist. Es wird also ein ungewohntes und möglicherweise auch umstrittenes Projekt werden, auf das die Seminarteilnehmer sich hier einlassen.
Dieses Seminar steht in engem Zusammenhang mit (07.097) „Gebärdentechnik II: Gebärden im Theater“ unter der Leitung von Simon Kollien. Beide Seminare bauen aufeinander auf und ergänzen sich.
Es handelt sich bei diesem Seminar II um ein eigenständiges Seminar. Ein Scheinerwerb setzt nicht die Teilnahme am vergangenen Seminar II im Sommersemester 2005, jedoch Erfahrungen mit zeitgenössischen Theaterkonzepten und ein Einfühlungsvermögen in ästhetische Formen des Gebärdens voraus.
Scheinanforderungen sind: (a) regelmäßige Teilnahme und intensive Mitarbeit, (b) schriftliche Hausarbeit.