07.087MA (b) Kulturwissenschaft / Seminar II
Dipl.(e) Kulturwissenschaft / Seminar II
Simon Kollien, Tomas Vollhaber
Theaterprojekt. Dramatisierung von Gebärdensprache
2std., Do 14-16, Ro 45, WS
Seminarbeschreibung:
Ende des vergangenen Jahres sprach Jürgen Stachlewitz in einer Sendung von Sehen statt Hören von einer Durststrecke, auf der sich zur Zeit das Gehörlosentheater befindet: Im Bereich des Theaters ist es sehr, sehr ruhig geworden. Beim Deutschen Gehörlosentheater, wo früher eine Aufführung nach der anderen stattfand, herrscht große Stille. Und nach dem letzten DEGETH-Festival 2003 in München hört und sieht man auch kaum noch etwas von den vielen bekannten Theatergruppen, die dabei waren. (SsH am 30.10.2004)
Sicherlich gibt es eine Reihe von Gründen für dieses Schweigen auf der Gehörlosen-Bühne doch gibt es diese Gehörlosen-Bühne, wie wir sie aus den alten Produktionen des DGT oder des Berliner Bühnenclubs kennen, überhaupt noch? Der Kampf um die Anerkennung der Gebärdensprache, die zur wichtigsten Forderung der Gehörlosenbewegung wurde, hat auch das Bühnengeschehen wesentlich beeinflusst. Es reichte nicht mehr, den Faust oder Hamlet auf die Bühne zu stellen, damit auch Gehörlose Zugang zu einem Kulturgut finden, das ihnen bislang vorenthalten blieb, wobei es sich bei der auf der Bühnen gesprochenen Sprache um ein Gemisch von Gebärdensprache, Pantomime, lautsprachbegleitendem Gebärden und Lautsprache handelte. Der Anspruch lautete nun: Wenn Faust oder Hamlet, dann in DGS. Dabei gerieten die Klassiker selbst unter die Räder: eigene Stücke eroberten die Bühne, die sich mit der Situation Gehörloser befassten und mit Facetten der Gebärdensprache spielten.
Seitdem hat sich vieles verändert. Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre trafen sich spielbegeisterte Gehörlose und entwickelten neue Stücke, gelegentlich nur für eine Produktion, um dann wieder auseinander zu gehen oder sich anderen Gruppen anzuschließen. Andere Gruppen hielten länger durch (Trio Art, Visuelle Theater Hamburg). Parallel zur Theaterszene innerhalb der Gehörlosengemeinschaft entwickelten sich Formationen, bei denen Hörende und Gehörlose gemeinsam mit Laut- und Gebärdensprache experimentierten (La troupe pêle-mêle mit Faust, 1999; IDGS und VTH mit Blue, 2000; Theater HandStand mit Ein Sommernachtstraum, 2003).
Wie der Titel des Seminars besagt, geht es uns darum, eine Theaterproduktion mit Hörenden und Gehörlosen zu konzipieren und zu realisieren. Dabei werden wir uns im Sommersemester v.a. mit Gebärdensprache als Bühnensprache auseinandersetzen, denn es reicht unseres Erachtens nicht, DGS auf der Bühne zu sehen, um ein ansprechendes Gebärdensprachtheater zu erleben. Hier wird auch der Ort sein, über den von Stachlewitz beklagten Mangel an Produktionen des Gehörlosentheaters nachzudenken, d.h. wir werden uns theoretisch mit aktuellen Konzepten der Theaterwissenschaft und Gebärdensprachpoesie, mit den Erfahrungen von Gehörlosen in der Theaterarbeit sowie mit zeitgenössischen Theaterproduktionen, die mit der Spannung von Laut- und Gebärdensprache spielen, auseinandersetzen, um einen eigenen Begriff und eigene Vorstellungen als Grundlage einer eigenständigen Produktion zu entwickeln, mit der wir uns im Wintersemester 2005/06 beschäftigen werden.
Es handelt sich bei diesem Seminar II um ein eigenständiges Seminar. Ein Scheinerwerb setzt nicht die Teilnahme am geplanten Seminar II im Wintersemester 2005/06 voraus.
Zu Beginn des Seminars wird ein Reader verteilt mit allen für den Seminarablauf wesentlich Texten.
Scheinvorraussetzungen sind: (a) regemäßige Teilnahme, (b) mündlich gehaltenes Referat, (c) schriftliche Hausarbeit.