07.086

MA (b) Kulturwissenschaft / Seminar Ib
Dipl.(e) Kulturwissenschaft/ Seminar Ib

Hans-Uwe Feige

Taubstumme als Objekte medizinischer Erörterung und Experimente (200 v. Chr- 1815)

2std. (Blockveranstaltung), 3./4. April, Bi 34 Raum 3 + 11./12. Juni, 9-15 Uhr,



Zum Seminarinhalt:
Um die Jahrhundertwende 1800 war der Galvanismus in Deutschland ganz groß in Mode. Die Entdeckung des italienischen Arztes Luigi Galvani (1737-1798) galt als Universal-Heilmittel für alle möglichen Krankheiten und Behinderungen des menschlichen Bewegungsapparates. Auch Hörbehinderungen glaubten Scharlatane aller Art,aber auch seriöse Ärzte und Pädagogen, mittels der Galvanotechnik dauerhaft beheben zu können. 1802 monierte Johann Carl Friedrich Ludwig Habermaß (1783-1826), ab 1813 erster gehörloser Lehrer an der Berliner Taubstummenanstalt:“...da wir alle Tage drei Mahl galvanisirt werden, so klagen die meisten Taubstummen über Schmerzen in den Ohren, weil es in er Trommelhöhle...brennt und sticht. Ich selbst wurde einmal so krank, daß ich mich genöthigt sah, mich zu Bette zu legen. Ich empfand nähmlich heftige Kopfschmerzen, und in der Gegend der Ohren that es mir unbeschreiblich wehe...Ich bin nicht mehr so gesund wie sonst.“- Mit dem Galvanismus erreichte die medizinische Experimentierwut am taubstummen Opfer einen quantitativen Höhepunkt. Niemals zuvor in der Geschichte ist in kurzer Zeit eine derart große Anzahl von Hörbehinerten mit einer unsinnigen „Heilmethode“ traktiert worden. Dabei war dieses Verfahren vergleichsweise harmlos, blickt man zurück zu den Therapien und Operationen älterer Zeiten: Durchtrennung des Fenulum linguae (zuerst: Claudius Galen (129-199), noch im 18.Jahrhundert praktiziert!), Aalfett-und Bockbluttherapien (Schule von Salerno 1230), Trommelfell- und Mastoidperfortation (Jean Riolan (1580-1657), Schwefelbäder, Einspritzen diverser tierischer und pflanzlicher Essenzen in den Gehörgang, Aderlässe usw.

Im Seminar werden die diversen Experimente sowie ihre Auswirkungen auf die betroffenen Hörgeschädigten im Zusammenhang mit den sozial-, kultur- und medizingeschichtlichen Entwicklungen im jeweiligen Zeitabschnitt erörtert.

Scheinvergabe: Kurzreferat (max.20 min.)