07.084

MA (b) Gebärdensprachgemeinschaften / Seminar Ib
Dipl.(e) Gebärdensprachgemeinschaften / Seminar Ib

Tomas Vollhaber

Grundlagen einer visuellen Poesie: Pantomime

Institut für Deutsche Gebärdensprache (Rothenbaumchaussee 45, Weisser Saal)
2std., Do 16-18

Zum Seminarthema:
„Wer als Hörender zum ersten Mal Gebärdensprache sieht, hält sie oft für eine Art Pantomime, eine Form von gestischer Kommunikation, mit der er schon eigene Erfahrung gemacht hat“, schreibt Penny Boyes Braem und verweist damit auf einen Sachverhalt, der Motivation und Beginn des Studiums Vieler unseres Faches markiert. Es ist die Faszination einer Sprache, die außergewöhnlich lebendig wirkt und ausdrucksstark ist ohne Worte benutzen zu müssen.
Ein erster oberflächlicher Unterschied zwischen DGS und Pantomime betrifft das Verstehen. Ohne Kenntnis der DGS ist einem Gespräch zwischen zwei Gehörlosen nicht zu folgen, der aufmerksame Beobachter erkennt bestenfalls hin und wieder zeichenhafte Bewegungen, die ihn an etwas erinnern, dass er selbst schon einmal gesehen oder ausgeführt hat. Da ist die Pantomime zugänglicher. Aber auch hier setzt die Beobachtung äußerste Konzentration voraus, um dem Geschehen zu folgen, das sich auf der Bühne abspielt. Denn die Sicherheit eines vereinbarten Sprachsystems ist aufgehoben und es beginnt der mühseligen Akt der Inbezugsetzung von Beobachtendem und Beobachtetem.
Poetische Sprache, ganz gleich in welcher Form sie sich darstellt, setzt immer Inbezugsetzung voraus, sonst bleibt sie unzugänglich und hermetisch, d.h. einen Diskurs über poetische Sprache zu führen setzt immer voraus, dass jede und jeder seine ganz persönliche Position zu dem befragt, was sie bzw. er da sieht oder hört.
Die Kunstform der Pantomime ist dabei insofern ein sehr glücklicher Gegenstand, da ihr die Frage nach Gehörlosigkeit oder Hörfähigkeit völlig egal ist. Freimütig setzt sie sich über alle Fragen nach Identität und political correctness hinweg und tut so, als ginge sie das gar nichts an. Unpolitisch ist sie deswegen noch lange nicht. Allerdings wird die Frage nach der Sprache und ihrer politischen Implikationen auf eine sehr eigene Weise angesprochen, die Sprache in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt, als wir es landläufig gewohnt sind.
Hat man etwas von der Sprache verstanden, in der sich die Pantomime darstellt, ist man auch der Gebärdensprache ein Schritt näher gerückt. So schreibt Boyes Braem: „Daß Gebärdensprache sich von Pantomime unterscheidet, bedeutet nicht, daß Gehörlose nie Pantomime verwenden. Besonders beim Erzählen kommt es oft vor, daß der Gebärdende mimische Sequenzen in seine Geschichte einfügt. Das gehörlose Publikum kann jedoch diese mimischen Einfügungen von der sie umgebenden Gebärdensprache klar unterscheiden. Solche pantomimischen Einlagen lassen die Erzählung lebendig werden, ähnlich wie die Gesten und Geräusche, welche ein Hörender seiner gesprochenen Geschichte beifügt.“ Man kann mit Gewissheit davon ausgehen, dass es dabei nicht bleiben wird. Ob und inwiefern sich Pantomimisches von Gebärdensprachlichem unterscheiden lässt, sei dahingestellt; wichtiger erscheint der Hinweis, dass das Lebendige pantomimischer Indikator ist. Dem nachzuspüren wird unsere Aufgabe im Sommersemester sein.

Scheinvorraussetzungen sind: (a) regemäßige Teilnahme, (b) mündlich gehaltenes Referat, (c) schriftliche Hausarbeit.