07.117

MA
Dipl. (e) Gebärdensprachgemeinschaften/ Seminar II

Katharina v. Fintel

Projektseminar zur empirischen Sozialforschung

Institut für Deutsche Gebärdensprache (Rothenbaumchaussee 45, Weißer Saal)
2std., Do 12-14

Zum Seminarthema:
Gewalt gegen Frauen und Kinder in Familie und Partnerschaft ist nicht nur ein Problem der hörenden Mehrheitsgesellschaft, sondern auch innerhalb der Gehörlosengemeinschaft ein drängendes Problem. Gewalt innerhalb der Gehörlosengemeischaft - zumal gegen Schwächere - unterliegt einer massiven Tabuisierung. Die äußert sich unter anderem auch darin, dass gehörlose Frauen, die Gewalt durch ihre gehörlosen Lebenspartner oder Ehemänner erfahren, einem sehr starken Druck ausgesetzt sind, "das eigene Nest nicht zu beschmutzen", indem sie die ihnen und ihren Kindern zugefügten Leiden innerhalb der Gehörlosengemeinschaft bekannt machen oder hier Hilfe suchen. Tun sie dies trotzdem, droht ihnen nicht selten eine zusätzliche Stigmatisierung - leider gerade auch von anderen Frauen ausgehend. Phänomene dieser Art sind nicht gehörlosenspezifisch, sondern ergeben sich aus der besonderen Lebenssituation der Gehörlosen als einer Minderheitsgesellschaft.

Das dicht geknüpfte Netz beratender und aufnehmender Einrichtungen für von Gewalt betroffener Frauen (Notrufe, Einrichtungen der Opferhilfe, Frauenhäuser etc.) erreicht gehörlose Frauen kaum. Erst in jüngster Zeit, hat ein Hamburger autonomes Frauenhaus damit begonnen, sich auf die Aufnahme gehörloser Frauen zu spezialisieren. Problematische Punkte sind:

-  Innerhalb der Gehörlosengemeinschaft fehlt grundlegendes Wissen über die gegebene Rechtslage, Hilfesysteme und Verfahren (Polizei, beratende und aufnehmende Einrichtungen etc.),

-  es gibt keinerlei nutzbaren Kontakte von den Gehörlosenverbänden zu entsprechenden Einrichtungen,

-  die Einrichtungen selbst sind nicht darauf vorbereitet, gehörlosen Opfern und Tätern angemessen zu begegnen: Es fehlen in den Einrichtungen basale Kenntnisse über die besonderen Bedarfe Gehörloser, Verfahren zur Kostenübernahme für Gebärdensprachdolmetscher sind weitestgehend unbekannt.

In letzter Zeit haben sich politische Akteure auf den verschiedensten Ebenen mit dem Thema "häusliche Gewalt" befasst: UNO (Weltfrauenkonferenz), EU (Jahr zum Schutz der Frau), Bundesregierung (Gewaltschutzgesetz), Hamburgische Bürgerschaft (Konkretisierung und Umsetzung - auch im Zusammenhang mit den besonderen Belangen gehörloser Fauen). Der Landesverband der Gehörlosen in Hamburg hat mittlerweile eine Frauenbeauftragte, die sich mit der beschriebenen Problematik befasst.

Das Projektseminar soll einführen in

-  die Problematik männlicher Gewalt gegen Frauen und Kinder in Familie und Partnerschaft,

- grundlegende Aspekte der neuen Rechtslage (Wegweisung des Mannes aus der gemeinsamen Wohnung, Kontaktschutz etc.),

- Hilfesysteme und Verfahren in Hamburg (Polizei, beratende und aufnehmende Einrichtungen etc.).

Im Rahmen des Seminars gibt es die Gelegenheit, Vertreter der verschiedenen staatlichen und nicht-staatlichen Einrichtungen sowie die Einrichtungen selbst kennen zu lernen.

Teilnahmevoraussetzung oder -beschränkung: - keine -

Anforderungen für die Scheinvergabe: Regelmäßige Teilnahme, Übernahme eines Referats und Verschriftlichung.

Empfehlung vorbereitender Lektüre: Literaturliste kann ab Ende des WiSe 2000/2001 im Buro Ro 45 abgeholt werden.