MA (c) Gebärdensprachgemeinschaften / Seminar II
Dipl. (e) Gebärdensprachgemeinschaften / Seminar II
Tomas Vollhaber
Dieses Hauptseminar setzt sich mit den philosophischen Texten Walter Benjamins zur Sprache und zum Übersetzungsproblem auseinander und wird der Frage nachgehen, in wie weit seine Vorstellungen, die er dort entwickelt für unseren Gegenstand, einem kulturwissenschaftlichen Verstehen von Gebärdensprachen, von Nutzen sind, sie möglicherweise bereichern und ein Denken schärfen, diesen Gegenstand in neuem Licht zu sehen.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass Benjamin Gebärdensprache nur andeutungsweise expliziert, und von Gehörlosen ist dabei überhaupt nicht die Rede. Es mag aber trösten, dass es Benjamin, wenn er von Sprache schreibt, auch nicht um den hinlänglich bekannten rationalen Diskurs von Sprache geht, als einer an bestimmten Ansprüchen orientierten Mitteilungsfunktion von Sachverhalten. Damit befinden wir uns schon mitten in einer Auseinandersetzung, die auch in der Gebärdensprachforschung zentrale Bedeutung angenommen hat, und in der es um die Frage geht: mit was für einer Sprache, die sich jenseits der gewohnten lautsprachlichen Terminologie ansiedelt, haben wir es eigentlich zu tun. Einem Palimpsest gleich birgt die Sprache nach Benjamin eine Erkenntnis, die verstellt und unkenntlich gemacht wurde durch eine diskursive Vernunft. Die Überlegung, die wir anstellen, könnte in die Richtung gehen, in der Gebärde ein Palimpsest „sinnlicher Ähnlichkeit“ zu erkennen, so wie Benjamin im Blick auf das Wort von „unsinnlicher Ähnlichkeit“ spricht.
Unser Weg wir also nicht ganz einfach werden und genau hier liegt der Reiz dieser Veranstaltung.
Es wird in diesem Seminar v.a. darum gehen, einen Philosophen und sein Denken kennen zu lernen. Das setzt eine gewisse Übung im Lesen seiner Texte voraus. Im Erarbeiten der Texte wird eine unserer Hauptbeschäftigungen liegen. Nach einer Einführungsphase werden wir uns in jeder Sitzung, die von einer Arbeitsgruppe vorstrukturiert wird, mit einem Text näher befassen, und versuchen, die terminologischen und philosophischen Hürden zu nehmen, die uns beim Verständnis im Wege stehen ? soweit uns das gelingt. Eingedenk der Tatsache, dass die Benjamintexte für viele etwas Neues darstellen, gilt es in erster Linie, eine allgemeine Einführung in sein Denken und Anregungen zu erhalten, die die Lektüre bietet. Insofern geht die Beschäftigung mit Benjamin weit über den gebärdensprachlichen Gegenstand hinaus und schult ein Denken, dass grundlegend für ein geisteswissenschaftliches Studium ist.
Benjamin steht heute im Zentrum der kulturwissenschaftlichen Forschung, und gilt als Wegbereiter des Dekonstruktivismus. Gerade seine Überlegungen zum Übersetzungsproblem waren Gegentand einer poststrukturalistischen Debatte um Jacques Derrida und Paul de Man.
Grundlage der ersten Sitzung wird eine Einführung Theodor W. Adornos in das Denken Benjamins sein, die in dem unten aufgeführten Reclamband (S. 153-171) publiziert ist. In diesem Band befinden sich eine Reihe wichtiger Texte für unsere Seminararbeit. Es wird außerdem zu Beginn des Seminars ein Reader mit einem Seminarplan und weiteren Texten ausgeteilt werden.
Scheinbedingungen sind: (1) regelmäßige und pünktliche Teilnahme, sowie gründliche Vorbereitung der Texte; (2) Übernahme eines Referats und eine angemessene schriftliche Ausarbeitung.
Literatur
Walter Benjamin: Sprache und Geschichte. Philosophische Essays.
Stuttgart (Reclam Universal Bibliothek in regelmäßig erscheinender
Neuauflage).