07.052

MA (b) Kulturwissenschaft / Seminar II
Dipl.(f) Kulturwissenschaft / Seminar II

Tomas Vollhaber
 

Überlegungen zur Mimik





Als Thierry Roisin am IVT in Paris die „Antigone“ des Sophokles inszenierte, gab es Ärger. Er gebot seinen Schauspielern, die fast alle gehörlos waren, äußerste Zurückhaltung beim Einsatz von Mimik, dem Chor untersagte er sogar jeglichen Gebrauch. „Für eine Gehörlose ist es extrem schwierig, keine Gesichtsausdrücke zu benutzen,“ sagte Chantal Liennel, eine der Schauspielerinnen. „Ich habe diese Erfahrung bereits in der Inszenierung von &Mac226;Les Pierres‘ gemacht, bei der ich mich zurückhalten musste und überhaupt nichts mit meinem Gesicht ausdrücken durfte. Es war sehr entnervend, denn ich hatte den Eindruck, als ob der Regisseur mich nicht respektierte, aber ich ihn respektieren sollte.“ Chantals Sorge ging noch weiter. Sie fürchtete, die gehörlosen Zuschauer haben keine Chance unter den Bedingungen eines Verzichts auf Mimik dem Stück folgen zu können. Das Gesicht gilt allgemein als der sprechenste Teil des menschlichen Körpers. Es wird als der Ort aufgefasst, an dem sich das Wesen und der Charakter eines Menschen sowie seine Gefühlsregungen, Absichten, moralischen Einstellungen ablesen lassen sollen. Zudem gehört die Mimik zu den grundlegenden Strukturmerkmalen der Gebärdensprache und wird oft in einem Atemzug mit den vier gebärdensprachlichen Parametern Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung genannt. Doch Roisins Anordnung weist darauf hin, dass die Mimik eine Sonderstellung im gebärdensprachlichen Vollzug darstellt, mit der wir uns in diesem Semester auseinandersetzen werden.
Die Auseinandersetzung um die Faszination, die dem Gesicht inne wohnt, kann auf eine lange Geschichte zurückschauen und hat sich in vielen sprachlichen Wendungen niedergeschlagen: „das Gesicht verlieren“, „das Gesicht wahren“, „das wahre Gesicht zeigen“, „ein Gesicht ziehen“, „jemandem ins Gesicht lügen“, „das zweite Gesicht“. In diesen Wendungen zeigt sich auch das Spannungsfeld, in dem das Gesicht steht: es ist sowohl Ausweis für Charakter und Wesen, vermag aber auch dessen Kehrseite zu zeigen, Verschlagenheit, Verstellung, So-tun-als-ob, Anders-Sein. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Lehre der Physiognomik seit dem Ende des 18. Jh.s Anhaltspunkte festzuschreiben versuchte, das Phänomen Mimik fassbar zu machen. Die unveränderbaren „festen Teile“ des Gesichts sollten Auskunft über den Charakter, das Wesen, die Absichten und moralische Einstellung eines Menschen erteilen, jenseits jeglicher Verstellungskunst. Die äußere Beschaffenheit des Gesichts wird dabei als Zeichensystem vorgestellt, welches Zugriff auf die Innerlichkeit eines Menschen ermöglicht. Spuren eines solchen Denkens finden sich noch heute in Texten zur Gebärdensprachlinguistik: „Grammatisch funktionale Mimik unterscheidet sich von dem relativ variablen und unbeständigen emotionalen Gesichtsausdruck durch einen klar strukturierten und regelhaften Charakter. Sie zeigt ein ganz eindeutiges An- und Abschaltmuster, und ist in exakter Koordination auf gleichzeitig ablaufende manuelle Gebärdenzeichen abgestimmt.“ (Wisch 1990, 199)
Doch früh hat sich an dieser Form der Festschreibung Kritik artikuliert. Es stellte sich die Frage: Wer spricht – die Physiognomie des Gesichts oder der Physiognom in seiner Interpretation? Und so befindet sich die Mimik im Spannungsfeld zwischen der Überzeugung einer absoluten Lesbarkeit des menschlichen Gesichts und der verzweifelten Erkenntnis, dass sich das Gesicht des Anderen immer wieder verweigert und nicht endgültig deutbar ist. Roisins Regieanweisung, auf Mimik zu verzichten, erweist sich in diesem Kontext als radikaler Schnitt einer Tradition, die im Gesicht das liest, was sie lesen möchte. Auf diese Tradition reagiert zeitgenössisches Gebärdensprachtheater mit Verweigerung. Im postmodernen Denken ist das Gesicht ein Ort, der sich v.a. dadurch auszeichnet, dass er unnahbar und fremd bleibt, sich der Deutung verwehrt und an dem das Wissen über den Anderen „verrutscht“. Das Gesicht, vormals der Teil des menschlichen Körpers, an dem über semiotische Konzepte Verknüpfungen, Aussagen, Nähe und Erkennen festgemacht wurden, entzieht sich der Handhabbarkeit. Anhand von Texten aus dem 19. und 20. Jh. sowie von Videoaufzeichnungen zeitgenössischer Gebärdensprachinszenierungen wird sich das Seminar mit diesem Spannungsfeld auseinandersetzen und sich den Gesichtern des Gesichts zu nähern versuchen.
Zu Beginn des Seminars wird ein Reader verteilt mit allen für den Seminarablauf wesentlichen Texten.
Scheinkriterien: (a) regelm. Teilnahme, (b) mündl. gehaltenes Referat, (c) schriftl. Hausarbeit (15 Seiten).