07.051MA (b) Kulturwissenschaft / Seminar Ib
Dipl.(e) Kulturwissenschaft / Seminar Ib
Gunda Schröder
Gehörlosigkeit und Musik - ein Widerspruch?
Zum Seminarthema:
Im überaus bekannten Film Jenseits der Stille beispielsweise wird das Verhältnis von Gehörlosigkeit und Musik zu einem unversöhnlichen Gegensatz stilisiert, der den eigentlichen Vater-Tochter-Konflikt der Geschichte unterstreicht.
In der Auffassung von Musiker John Cage beispielsweise finden sich Anhaltspunkte für eine umfassende Definition von Musik, die auch Gehörlose mit einschließt. Seine zwar aus hörender Sicht geschriebenen Überlegungen zu Musik und Klängen lassen sich auch auf gehörlose Musiker und Rezipienten beziehen: So ist für John Cage z.B. Stille kein akustisches, sondern ein geistiges Phänomen.
In Arbeitsgruppen sollen Lehrmeinungen und Konzepte zum Thema Gehörlosigkeit und Musik aus den Bereichen Musik, Kultur, Literatur und Bildung gesammelt und in Referaten vorgetragen werden. In der gemeinsamen Seminardiskussion werden die unterschiedlichen Ansichten einander gegenübergestellt und problematisiert.
Von Erkenntnisinteresse sind dabei folgende Fragen: Womöglich ist es für gehörlose Menschen gar nicht so unmöglich, zu musizieren? Vielleicht sind es nicht die scheinbar mangelnde Wahrnehmungsfähigkeiten gehörloser Menschen, sondern vielmehr die in der Kulturerziehung vorherrschenden Konzepte von Musik, gegen die es so schwer ist, anzudenken? Ein gehörloses Desinteresse an Musik resultiert vielleicht eher aus den Erwartungshaltungen der Umwelt - wenn Eltern, Erzieher und Freunde von Vornherein einem zu verstehen geben, das Musik nichts für einen ist. Auf diese Weise vollzieht sich vermutlich eine viel größere Entmutigung, als es vielleicht das Risiko eines Scheiterns bei einer intensiven Beschäftigung mit der musikalischen Schwingungsmaterie jemals vermöchte? Vielleicht gibt es die Möglichkeit einer spezifisch gehörlosen Musik, z.B. im Tieftonbereich? Oder andere Möglichkeiten visuell-taktiler Art? Welche musikalischen Projekte und Ansätze von Gehörlosen gibt es? Unter welchen Prämissen ist es für gehörlose Musikinteressierte möglich, entsprechende Projekte zu etablieren? Und nicht zuletzt: Wie sehen vor dem Hintergrund solcher Fragen die Grenzen und Möglichkeiten für das Musikdolmetschen aus?
Optimal wäre es, wenn sowohl gehörlose als auch hörende musikinteressierte StudentInnen teilnähmen und gemeinsam der (zu brechenden) Macht des Konzeptes hörbehindert also musikverhindert nachspürten. Dieses Seminar bietet einen kulturellen Grenzgang und soll TeilnehmerInnen dazu ermuntern, scheinbare Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.
Literatur:
Tomas Vollhaber, Helmut Oehring, Christina Schönfeld (1997): Eine Oper in Laut- und Gebärdensprache: Das D'Amato-System. In: Das Zeichen Nr. 39, S. 44-56.
Manuela Prause (2001): Musik und Gehörlosigkeit. Therapeutische und pädagogische Aspekte der Verwendung von Musik bei gehörlosen Menschen unter besonderer Berücksichtigung des anglo-amerikanischen Forschungsgebietes. Köln. (Dissertation herausgegeben von Walter Piel als Band 5 in der Reihe Kölner Studien zur Musik in Erziehung und Therapie)
John Cage (1987): Silence. Frankfurt/Main. (Vorträge, übersetzt von Ernst Jandl)
David Revill (1995): Tosende Stille. Eine John-Cage-Biographie. München.
Evelyn Glennie (1989): Good vibrations. London.
Joachim-Ernst Berendt (1985): Nada Brahma. Die Welt ist Klang. Reinbek bei Hamburg.
Anja Werner (2005): Gespräch mit einer ungewöhnlichen Frau: Sarah Neef. In: Hörakustik Nr. 5/2005
Kontakt: gandus@gmx.de