Pressemitteilung vom 28.10.2008
27.10.2008 14:30 von Stephanie Vorwerk
Langzeitvorhaben der Akademie der Wissenschaften in Hamburg
Im Januar 2009 beginnt ein Langzeitprojekt der Akademie der
Wissenschaften in Hamburg zur Entwicklung eines korpusbasierten
elektronischen Wörterbuches Deutsche Gebärdensprache (DGS) — Deutsch.
Das Projekt wird aus Mitteln des Akademienprogramms mit ca. € 8,5 Mio.
über eine Laufzeit von 15 Jahren gefördert und am Institut für
Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser der Universität Hamburg
durchgeführt. Es stellt einen Meilenstein in der Erforschung der
Deutschen Gebärdensprache Gehörloser dar. Die Leitung liegt in den
Händen von Prof. Siegmund Prillwitz und Prof. Christian Rathmann.
Das
Projekt verbindet zwei Ziele miteinander: zum einen die Sammlung und
Aufbereitung gebärdensprachlicher Daten in einem annotierten Korpus und
zum anderen die Erstellung eines elektronischen Wörterbuchs Deutsche
Gebärdensprache — Deutsch. Das Korpus umfasst mehrere hundert Stunden
Videoaufnahmen, die bundesweit bei ca. 250 gehörlosen Informanten
erhoben und anschließend in einer eigens entwickelten Datenbank
systematisch verarbeitet und analysiert werden. Dieses
Gebärdensprachkorpus ist vergleichbar mit großen Korpora gesprochener
Sprachen. Es bildet nicht nur die Basis für die linguistisch
abgesicherte Erstellung eines DGS-Wörterbuchs, sondern bietet darüber
hinaus langfristig eine Vielzahl von Möglichkeiten zur empirisch
fundierten Erforschung der DGS hinsichtlich Grammatik,
Bedeutungsstruktur und Verwendung. Das Wörterbuch wird ca. 6000 Einträge
umfassen. Aufgrund der lexikalischen Struktur von Gebärdensprachen
entspricht dies einem Vielfachen dieser Zahl in Lautsprachen. Die
Auswahl der Einträge wird sich dabei in erster Linie auf die
tatsächliche Gebärdenverwendung stützen, wie sie im Korpus dokumentiert
ist. Bei diesem Ansatz wird von der Gebärdensprache ausgegangen. Dadurch
kann der gebärdensprachliche Wortschatz besser erfasst und
repräsentiert werden, als dies durch das Ausgehen von einer deutschen
Wortliste möglich wäre. Das zu erstellende elektronische Wörterbuch
präsentiert die Gebärdenzeichen als Filme und bietet im Vergleich zu
einem Buch differenziertere Zugriffs-, Such- und Anzeigeoptionen, z.B.
eine Suche nach Gebärdenform.
Die Gebärdensprachen Gehörloser
haben sich über Jahrhunderte in den verschiedenen nationalen und
regionalen Gehörlosengemeinschaften als natürliche Sprachen entwickelt.
Die traditionelle Gehörlosenpädagogik war bis in die zweite Hälfte des
20. Jahrhunderts auf die Lautsprache fixiert und wertete die
Gebärdensprachen als bloßes nicht-sprachliches Gestikulieren ab; auch
von der Sprachwissenschaft wurden sie kaum als adäquater
Forschungsgegenstand wahrgenommen. Diese ablehnende Haltung hat sich in
Deutschland erst seit gut einem Jahrzehnt geändert. Heute sind Gehörlose
als Mitglieder einer sprachlichen Minderheit weitgehend anerkannt und
ihre Gebärdensprache findet immer mehr Verwendung in Erziehung, Bildung,
Beruf und Alltag.
Die korpusbasierte linguistische
Grundlagenforschung zur DGS befindet sich erst im Aufbau. Sie ist jedoch
die Voraussetzung für die Entwicklung von Lehr- und Lernmaterialien und
eine fundierte Verwendung der DGS insbesondere in der
Gebärdensprachlehre und im schulischen Bereich. Hierbei kommt dem neuen
Projekt eine herausragende Bedeutung zu.
Für die
Gebärdensprachgemeinschaft hat die Erstellung eines DGS-Wörterbuchs
zudem einen hohen ideellen Wert und trägt zur Dokumentation sowie zur
weiteren gesellschaftlichen Akzeptanz ihrer Sprache bei. Die
Sprachgemeinschaft ist von Anfang an durch die aktive Mitarbeit bei der
Korpuserstellung beteiligt und durch eine internet-basierte Bewertung
sowie eine ausgewählte Gruppe von Muttersprachlern aus verschiedenen
Regionen auch in die Auswertung mit einbezogen. (Siehe Mitarbeit.)
Zielgruppe
des Wörterbuchs sind Lerner mit Deutsch als Muttersprache (z.B. Eltern
und Lehrer gehörloser Kinder), professionelle Gebärdensprachdolmetscher,
gehörlose DGS-Muttersprachler (gehörlose Erwachsene, Kinder gehörloser
Eltern, gehörlose Kinder und Schüler, die DGS als Muttersprache
erlernen), Gebärdensprachkursleiter, Linguisten, Sprachtypologen. Um die
vielfältigen Verwendungsinteressen der verschiedenen Gruppen zu
berücksichtigen, ist eine Befragung zu Bedürfnissen und Wünschen der
potenziellen Nutzer vorgesehen. Da das Wörterbuch in unterschiedlichen
Lernsituationen, übersetzungs- und Dolmetschkontexten Verwendung finden
soll, ist es zweisprachig konzipiert und ermöglicht den Zugriff auf die
Inhalte über beide Sprachen, DGS und Deutsch. Das Projekt wird in enger
internationaler Kooperation mit führenden Einrichtungen zur
Gebärdensprachforschung insbesondere in Europa, den USA und Australien
durchgeführt.
Die Akademie der Wissenschaften in Hamburg
Der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, die 2004 gegründet wurde, gehören herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Disziplinen aus dem norddeutschen Raum an. Als Arbeitsakademie will sie dazu beitragen, die Zusammenarbeit zwischen Fächern, Hochschulen und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen zu intensivieren. Sie fördert Forschungen zu gesellschaftlich bedeutenden Zukunftsfragen und wissenschaftlichen Grundlagenproblemen und macht es sich zur besonderen Aufgabe, den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit anzuregen. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts wird sie von der Freien und Hansestadt Hamburg finanziert. Die Akademie der Wissenschaften in Hamburg ist Mitglied der Akademienunion. Diese koordiniert das von Bund und Ländern getragene Akademienprogramm, aus dessen Mitteln das Projekt finanziert wird.